Margarethe Faas als Arbeitersekretärin des SGB
Quelle: Nachfahren von M. Hardegger

< zurück zur Übersicht

< Quellenverzeichnis

 

Abschiedsbrief in der „Vorkämpferin“ vom 1.4.1909

Abschied 

Liebe Genossinnen! Heute zum letztenmale gingen die Manuskripte für unsere liebe „Vorkämpferin“ durch meine Hände.
Wir haben gemeinsam die Freuden der Gründung empfunden; wir haben gemeinsam während dieser ersten drei Jahre die Sorgen um das Leben unsere  Zeitung durchgemacht.
Es war mein Traum, zu erleben, wie unsere „Vorkämpferin“ vierzehntägig, achttägig sogar, erscheinen würde und zusammen mit ihrem französischen Schwesterchen, der Exploitée die arbeitenden Frauen in der Schweiz durch gemeinsame Gedanken innerlich verienigen und zu gemeinsamen Taten führen würde.
Die Verwirklichung schöner Pläne geht langsamer, als in unserm Jugendfeuer wir erwarten.
Denn nicht allen, auf die wir zählen, zittert die Flamme des Wollens und Tuns ständig in der Brust.
Und sogar unter denjenigen, welche wirklich mithelfen, gibt es, infolge unserer aller Unvolkommenheiten, Reibungen, Missverständnisse.
So nehme ich denn heute Abschied von Euch.
Wenn ich es nicht immer allen recht machen konnte, verzeiht mir. Ich bin nur ein Mensch – und mit uns Menschen muss man Geduld haben. – Wenn uns auch oft das, was unsere Mitmenschen wollen, unrichtig erscheint, ja sogar schädlich – das Gute wollen wir doch immer.
„Man kann auf verschiedene Art den Gipfel des Berges erreichen.“
Meine Anschauungen sind in den letzten vier Jahren so geworden, das ich unter Euch als Sekretärin und Redaktorin nicht mehr Platz zu haben scheine. Das ist so langsam und unabänderlich gekommen – weil ich meistens nur mit den Allerärmsten, den Allerelendesten verkehrte, den ganz untersten Schichten, in denen wir arbeitenden Frauen liegen – mit den Verzweifelten, für die es Hoffnung, Regung, Leben nur mehr in einer vollständig neuen Gesellschaft gibt.
Und so beherrschte mich allmählich nur der eine Wille: Zusammen mit den gleichgesinnten Kameraden diese neue Gesellschaft zu bauen – Euch zu zeigen, wie man zusammenlebt und zusammenarbeitet, ohne Lohnsystem, ohne Unterdrückung – einfach in Freiheit.
Nun kommt man und sagt, ich passe nicht mehr zu Euch.
Das finde ich nicht – ich gehöre zu Euch.
Und obwohl viele unter Euch mich zum Bleiben bewegen wollten, will ich doch nicht länger unter einer Kommission arbeiten, die meine Anschauungen für schädlich hält. Solch ein Leben ist eine Qual – ich habe sie über vier Jahre lang gekostet, vier Jahre während welcher einzig die Freude an der Arbeit mit Euch, am Kontakt mit Euch mich aufrecht erhielt.
Ich werde Euch nicht vergessen; denn nur die Sekretärin geht – die Kameradin bleibt mitten unter Euch.
Wenn Ihr mich braucht, soll es mir eine Ehre sein, und Ihr werdet mich zu finden wissen.
Euch allen, in der Ferne und in der Nähe – ich grüsse Euch!

Bern, 31. März 1909

Margarethe Faas-Hardegger