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Abschiedsbrief in der
„Vorkämpferin“ vom 1.4.1909
Abschied
Liebe Genossinnen! Heute zum letztenmale gingen die Manuskripte
für unsere liebe „Vorkämpferin“ durch meine Hände.
Wir haben gemeinsam die Freuden der Gründung empfunden; wir haben
gemeinsam während dieser ersten drei Jahre die Sorgen um das Leben
unsere Zeitung durchgemacht.
Es war mein Traum, zu erleben, wie unsere „Vorkämpferin“
vierzehntägig, achttägig sogar, erscheinen würde und
zusammen mit ihrem französischen Schwesterchen, der
Exploitée die arbeitenden Frauen in der Schweiz durch gemeinsame
Gedanken innerlich verienigen und zu gemeinsamen Taten führen
würde.
Die Verwirklichung schöner Pläne geht langsamer, als in
unserm Jugendfeuer wir erwarten.
Denn nicht allen, auf die wir zählen, zittert die Flamme des
Wollens und Tuns ständig in der Brust.
Und sogar unter denjenigen, welche wirklich mithelfen, gibt es, infolge
unserer aller Unvolkommenheiten, Reibungen, Missverständnisse.
So nehme ich denn heute Abschied von Euch.
Wenn ich es nicht immer allen recht machen konnte, verzeiht mir. Ich
bin nur ein Mensch – und mit uns Menschen muss man Geduld haben. – Wenn
uns auch oft das, was unsere Mitmenschen wollen, unrichtig erscheint,
ja sogar schädlich – das Gute wollen wir doch immer.
„Man kann auf verschiedene Art den Gipfel des Berges erreichen.“
Meine Anschauungen sind in den letzten vier Jahren so geworden, das ich
unter Euch als Sekretärin und Redaktorin nicht mehr Platz zu haben
scheine. Das ist so langsam und unabänderlich gekommen – weil ich
meistens nur mit den Allerärmsten, den Allerelendesten verkehrte,
den ganz untersten Schichten, in denen wir arbeitenden Frauen liegen –
mit den Verzweifelten, für die es Hoffnung, Regung, Leben nur mehr
in einer vollständig neuen Gesellschaft gibt.
Und so beherrschte mich allmählich nur der eine Wille: Zusammen
mit den gleichgesinnten Kameraden diese neue Gesellschaft zu bauen –
Euch zu zeigen, wie man zusammenlebt und zusammenarbeitet, ohne
Lohnsystem, ohne Unterdrückung – einfach in Freiheit.
Nun kommt man und sagt, ich passe nicht mehr zu Euch.
Das finde ich nicht – ich gehöre zu Euch.
Und obwohl viele unter Euch mich zum Bleiben bewegen wollten, will ich
doch nicht länger unter einer Kommission arbeiten, die meine
Anschauungen für schädlich hält. Solch ein Leben ist
eine Qual – ich habe sie über vier Jahre lang gekostet, vier Jahre
während welcher einzig die Freude an der Arbeit mit Euch, am
Kontakt mit Euch mich aufrecht erhielt.
Ich werde Euch nicht vergessen; denn nur die Sekretärin geht – die
Kameradin bleibt mitten unter Euch.
Wenn Ihr mich braucht, soll es mir eine Ehre sein, und Ihr werdet mich
zu finden wissen.
Euch allen, in der Ferne und in der Nähe – ich grüsse Euch!
Bern, 31. März 1909
Margarethe Faas-Hardegger
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