Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv

< zurück zur Übersicht

< Quellenverzeichnis

 

Korrespondenzen Wilhelm Urbani, 1909-1911 


Mark Harda [Margarethe Faas] an Wilhelm Urbani


[Quelle Schweizerisches Bundesarchiv, E 21 14052]

[Bemerkung des Bundesanwaltschaft zum Brief:]
Am 15. April 1909 vermeldete das Amtsgericht Bern den bereits als Anarchisten signalisierten italienischen Staatsangehörigen Urbani Wilhelm-Georg, Sohn des Alexander und der Anna Bassurek, geb. am 9. Febr. 1888 in Wöllersorf /Oesterreich/Steinhauer, wegen Diebstahls, zu drei Monaten Korrektionshaus, abzüglich ein Monat Untersuchungshaft, der Rest umgewandelt in 30 Tage Einzelhaft, und 10 Jahre Kantonsverweisung.
Während der Untersuchungshaft wurde an Urbani ein von verschiedenen „Genossen“ unterzeichneter Brief gerichtet, der folgendermassen lautet:

Donnerstagabend 29.April 1909 
Lieber Kamerad,
Wir haben Ihren Brief gelesen und unsere Gedanken sind ganz bei Ihnen. Sie liegen wohl jetzt in Ihrem kleinen kostenfreien Logis und versuchen zu schlafen. Es ist 10 1/2 Uhr. Wir sind alle zusammengekommen, um unsere „Mai-Feier“ zu besprechen. Armer lieber Kamerad, wie gerne möchten wir, sie könnten mit uns helfen. Sie waren immer so lustig und fröhlich und Ihr Humor fehlte uns schon sehr. Was fällt ihnen übrigens ein? Brachte die Einzelhaft sie schon zum Glauben an irgendwelche Paragraphen? Der Meister will die fr. 6 abziehen, das Biergeld vom Arbeitslohn - um Gesetze haben sich ja bekanntlich nur die Sklaven zu kümmern. Wir werden den Herrn also vor Gewerbegericht nehmen müssen, und vielleicht kommen sie dort zu Ihrem Recht. wenn man nicht vorzeitig avisiert, dass Sie Anarchist sind und folglich selbstverständlich Unrecht haben. Aber schliesslich - auch darüber werden wir Sie zu trösten wissen. Am 15. Mai werden wir uns wiedersehen und da treffen wir alle nöthigen Vorkehren. Schliesslich ist es ganz gut, wenn die Herrschaften uns deutlich zeigen, wie man sich vom Gelde emanzipieren soll. Wir lernen es schliesslich alle.
In herzlicher Kameradschaftschaftlichkeit grüssen wir alle.
Mark Harda

Ernst Jost, Hans Dähler, Mürset, Portmann, Paul
Baur, Krawski, [Klein oder Kleist], Paul Hochueli, J.St., J.V.,

[Zusatz der Bundesanwaltschaft]
Wilhelm Urbani wurde mit Bundesrathsbeschluss vom 14.Mai 1909 wegen anarchistischer Propaganda aus der Schweiz ausgewiesen.


Brief von Wilhelm Urbani aus dem Gefängnis an Hans Dähler

[Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, E 21 8334
Fehlerhafte Orthografie im Orginal beigehalten]

Bern, o.D. [Mai 1909]

Meine liebe Familie Dähler u. l. Freunde!

Euren l. Brief habe ich richtig erhalten, daraus ersehe, dass ich doch  auch treue Freunde hab, was mich sehr freut. Wie ihr selbst seht, auch das Papir und [...] erhalten. also ist selbiges hier nicht gestohlen worden.
Euer L. Brief erhielt ich schon am 30.4. den von Mark Harda aber erst am 6.5. dass heisst ich bekam ihn vom Herrn Stadtrat vorgelesen. Und auch die Zeitung habe ich nur gesehen, da Brief u. Zeitung zu den Akten gelegt wurde. Ich habe nämlich am 6.5. aber noch eine Vernehmung gehabt. Wegen meiner eigenen Persohn als idealistischer Anarchist. Hier denkt mann ein Anarchist muss Einbrecher, Totschläger oder Raubmörder sein. Was doch gar nicht der Fall ist. Ich bin nun schon seid 11 Jahren Anhänger der Anarchistischen Idee, habe selbiges aber noch nicht von Anarchisten  als anarchistisch bezeichnen gehört, noch das
mir je einer solch Zeug zugemutet hätte. Leider aber von Leuten, welche keine Ahnung von Anarchismus haben, solches als anarchistisch vom Gericht bezeichnen gehört u. auch ge[...]. Diese Leute wolten sich einen Namen machen da doch jede als anarchistisch bezeichnete Taht in jedem Kässplat abgedruckt und daher sehr viel gelesen wird. Die meisten wissen jedoch nicht einmall was das Wort Anarchist heisst.
Und ich glaube zu denen gehörst du l. Hans auch. An meiner Verhandlung hiss es du wärst auch Anarchist, was ich aber sehr stark bezweifle, denn du machst mit Lust und Freude Militärdienst, bist Mitglied von Patriotischen Schiessgesellschaften
u. zahlst mit grösster Bereitwilligkeit Deine Steuern. Bist Mitglied der sozialistischen Partei u. des Zentralverbandes der Maler u. Gipser. Wohl heisst es Sozialismus ist Anarchismus,  aber nie Sozialdemokratie gleich Anarchie.
Welch falsche Ansicht ihr von der Anarchie habt, beweisst auch der Brief welchen mir Mark Harda schrieb. Er schrieb ich bekäme jetzt freie das heisst gratis Kost von Seiten des Staates. Ich hätte Mark Harda als so berümten Schriftsteller, für klüger gehalten. Ich bekomme doch nur etwas zurück, von Seiten des Staates, was ich im in Indirekten und direkten Steuern schon längst bezahlt habe. Es giebt doch nichts auf der Welt, was nicht mit direkten u. indirekten Steuern belegt ist.  Nicht einmall die Luft, muss man doch Aufenthalt oder Niederlassungsgebühr bezahlen. Würde aber dem Proletar jegliche Steuer erlassen u. nur die Kapitalisten damit bedeckt, selbst dan würde der Proletar immer noch indirekte Steuern zahlen, da er doch den Kapitalisten seine Arbeitskraft verkauft u. damit diesen indirekt hilft seine Steuern zu zahlen. Also auf jeden Fall, wenn man auch gefangen ist,  lebt man von Volk und von sich selbst. Ja  selbst als Gefangener hilft man indirekt Steuern zu zahlen. Der Bäker zahlt je grösser der Brotkonsum ist desto mer Steuer, ebenso die Lieferanten der Milch, Bohnen, [...] u. sonstigen Zutaten und zahlen nicht auch die Richter, Beisitzer, Schreiber u. Gefängniswärter direkte u. indirekte Steuer. Wären keine Gefangne
so vielen diese Beamte alle weg u. mit denselbigen auch die Steuer. Wäre der Staat ohne jeglichen Zwischenhandel selbst Produzent u. Konsument dan vielen die Steuern weg und aus dem Staate wäre --- Anarchie, den es würde jeglicher arbeiten ohne das einer den andern ausbeuten könnte, weil es eben keinen Staat giebt. Staat bedeutet Gewalt, wo aber Gewalt herscht, muss es Beherscher u. Beherschte oder um besser zu sagen Untertrücker u. Untertrückte geben. Und nur letzteres will die anarchistische Idee durch Aufklärung der Massen gekämpfen. Hatte sich doch selbst die Schweizereidgenossenschaft auf ihr Banner geschrieben Wir wollen sein ein Volk von Einig Bründern!!!! Warum soll sich nun nicht das Proletareat aller Länder selbigen Sinnspruch aneignen.und bestrebt sein demselben so viel wie möglich auch zur Verwirklichung zu bringen. Ich würde gern noch mehr schreiben, aber bei meiner elendigen Elementarschulbildung welche ich in meinem 8jährigen Schulbesuch, welchen ich in 6 verschiedenen Dorfschulen genosen habe, kann ich eben nicht so die Sätze schreiben wie ich wirklich wolte.
Lieber Hans u. l. Elise nebst Bekanten. Ihr seht hieraus das also ein Anarchist lange nicht so schlimm ist als wie man in gewöhnlich hinstellt u. du l. Hans magst woll Anhänger des Sozialistischen Bundes sein, aber noch  lange kein Anarchist. Zuwas also sich mit solchen Federn schmücken. Ich kann jetzt mit Garibaldi (als er in Varignano gefangen war) sagen, Nun bin ich Gefangner, mich grämt es nicht sehr, ich möchte viel lieber nun sterben. Viel lieber den Todt, als hier bettelnd noch mer[?], bei feigen um Freiheitsluft werben. ------ (Oder mit Schiller im Walltenstein) auf der Welt die Freiheit verschwunden ist, man siht nur Herren und Knechte, die Falschheit herschet u. Hinterlist bei den feigen Menschengeschlechte u.s.w. L. Hans u. l. Elise ihr schreibt Christen will erst von mir bezahlt sein für das was ich im genohmen. Ich behaupte im nichts genohmen zu haben, den das Holz war nicht von ihm sondern von Henni u. Baumann. Und warum hat der Christen hier vor Gericht erklärt er verlange keine Entschuldigung. Hat er etwa die Tauben selbst gefangen u. mich als Prallbok benutzt, damit er 8 Arbeitstage umsonst Arbeit geleistet bekomt, den das ich ausgewiesen werde als Ausländer hatte er gewusst, ebenso wie ich, daher ich  mich nie mit solchen Geschichten abgegeben habe. Ich sage mit meiner Anzeige liegt etwas dahinter, etwa den Kampf gegen den Anarchismus, den zu diesem Zwek ist alles gestattet. Den der Zwek, heiligt die Mittel. Aber nur getrost ich verzage nicht, den es wird auch ausserhalb der Berner Kantons noch Brot gebacken. Nun seid herzlich gegrüsst und geküsst
von Euerm treuliebenden  Wilhelm Urbani

Herzliche Grüsse an die Bekanten und die Kinder

An Mark Harda kann ich nicht mehr schreiben da ich nicht so oft darf. Bitte sage es ihm.

Küsse Wernele[?] von mir herzlich. Auf Wiedersehn Samstag.


Denunziationsschreiben von Wilhelm Urbani

[Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, E 4320 (B) 1975/40  Bd. 104]

Salzburg, d. 2. Oktober 1911

An die Bundesanwaltschaft Bern

Ich endesgefertigter ersuche um Kenntnisnahme von folgendem:
Ich bin hier vom Anarchisten Grossmann angeklagt wegen Ehrbeleidigung. Es handelt sich um die selbst in der Schweiz bekannten Briefmarken welche in Oesterreich 1908 gestohlen wurden, selbige hat Frick (Zürich) zur Frau Margarethe Faas (Bern) Pflugweg 5 gebracht, daselbst wurden selbige durch Arnold Geiser Schneidermeister in Bern und einem spanischen Anarchisten abermals gestohlen. Dieser spanische Anarchist wurde mit samt den Marken verhaftet, ich glaube in Lausanne. Es war etliche Tage bevor Ernst Jost, Tischler (Bern) seine vom Polizeigericht erhaltene Strafe verbüsste. Alle von mir bei dem hiesigen Bezirksgericht angegebenen Zeugen wissen es bestimmt. Nun aber will niemand etwas wissen. Da ich aber alles genau weiss, meine Zeugen aber alles Anarchsiten sind, sind sie gegen mich. Um Beweise oder die Zeugenaussagen überhaupt als anarchistischen Schwindel zu entlarven, gebe ich folgendes hieran: Der Frau Elise Bühler wurde in der Wohnung der Frau Faas von deren Mutter im Januar 1909 mit Hilfe eines Schläuchchens ein Kind abgetrieben. Der Frau des Schneidermeisters Geiser ein solches im August 1908. - 1908 haben Geiser selbst und sein Schwager (er ist Tischler) den Einbruch in einer Tuchfabrik gemacht und hat Jost Ernst, Geiser, dessen Schwager, sogar Hosen von diesen gestohlenen Sachen. Die Kinder der Frau Faas sowie die von Geiser besitzen Hemden von dem Gestohlenen. Geiser’s Schwager besitzt ausserdem 18 Betttücher (Leintücher) & hat ein grösseres Quantum schwarz färben lassen & dann seiner Kundschaft Kleider daraus gefertigt. Der jüngste Bruder des Hans Dähler hat auch Kleidungsstücke von diesen gestohlenen Sachen. Letzterer aber unbewusst. Ich glaube Sie werden die Sache untersuchen & der eidlichen Aussage der Zeugen in meinem Prozess mit Grossmann dadurch um vieles mehr Wahrheit geben.
Hochachtungsvoll: Wilh. Urbani, Steinmetz
Salzburg, Steingasse [?]
in Bern ausgewiesen 1909 im Mai



[Quelle: Nachlass M. Hardegger, Zentralbibliothek Zürich]  ganz 
Dein Ernst


< zurück zur Übersicht