Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv

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Margarethe Hardegger an Zensl Mühsam
Bern, 27.3.1924

Liebe geehrte Frau Kreszentia!
Mein lieber alter Kamerad schreibt mir, dass er Sie in den ersten Tagen des April erwarte und dass er von solchen Erwartungen lebe. - Und an einer anderen Stelle, dass er sich auf den Tag freue, wo er uns beide zusammenführen kann. - Liebe Frau, so will ich vorläufig tun, was möglich ist und schicke Ihnen ein Bild - das Erich nicht kennt - es stammt aus der Wildnis von Villino Graziella in Minusio-Locarno, wohin Sie herzlichst eingeladen sind, sowie Sie sich wieder in die Schweiz wagen. Von dem kleinen Siedlerhaus, das dem herzensguten und tapferen Schreiner Giovanni Brunner gehört, und in welchem wir nach den Grundsätzen des Sozialistischen Bundes zu leben und auszustrahlen trachten, weiss Erich schon und hat auch Bilder. Aber dies hier, auf welchem ich so deutlich, so traurig und so alt aussehe, wie ich halt eben trotz Blumen und Idyll geworden bin, und immer wieder besonders bin, wenn die geschriebenen oder gedruckten Briefe von draussen kommen - dies Bild schicke ich Ihnen; für ihn wäre es eine grosse Desillusion.
Liebe Frau Kreszentia! Nun ich Ihre Berlinadresse habe, werden zwei meiner allerliebsten Freunde Sie aufsuchen kommen: ein Mann und eine Frau; er heisst unter uns allen 'der getreue Heinrich' - sie heisst Grete; und leben in Berlin. Heinrich wird Ihnen die Adresse für Erich geben, beide werden Ihnen sagen, wie sie leben, hoffentlich hoffentlich findet der Besuch noch vor Ihrer Abreise statt, so dass Sie Erich alles erzählen können.
Und sicher ist es mir, dass so treue Seelen einander lieb bekommen müssen und ein Trost sind. 
Von mir will ich jetzt nichts sagen - Sie sehen es ja. Wenn Sie mir gelegentlich ein Bild von Ihnen senden können, werde ich es lange und sehr aufmerksam betrachten, Bereitschaft in den Gedanken und in den Gefühlen. 
Erich sagt mir, dass Sie etwas kränkeln. Sie werden in den gleichen Jahren sein wie ich? Vielleicht noch etwas jünger? -
Wenn Sie hier wären und Vertrauen zu mir haben könnten, wollte ich was ich weiss daransetzen, um Sie jung und froh zu machen, damit Sie die zeit zu erharren vermögen.
Sicher sind Sie ein ungewöhnlich solidarischer Typ! Liebe Frau Kreszentia, seien Sie mir - einstweilen aus der Fern - aber durch Erichs Brief in absoluter Nähe auf das Herzlichste gegrüsst!
Ihre Margrit Hardegger

(vorübergehend in Bern, im alten Haus am Pflugweg 5)

[Quelle: Akademie der Künste, Abteilung Literaturnachlässe, Berlin]