Quelle: Nachfahren von M. Hardegger

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Margarethe Hardegger an Frieda Schiff

 
An Frieda Schiff, Kleinschmidtstr. 14, Heidelberg

Minusio, 8. Mai 1921

Sehr geehrte Frau;
es ist mir seinerzeit ein vom 7.1.1921 datierter Briefdurchschlag zugekommen, die Sammlung der Briefe Gustav Landauers betreffend. - Es gibt ein ganzes Paket solcher Briefe an mich, in der Mehrzahl aus den Jahren 1909-1913, der Zeit unserer nach der Schweiz hin gemeinschaftlichen Herausgabe des ‘Sozialist’; in Wirklichkeit hat Gustav Landauer ihn allein herausgegeben, meine anfangs vorwiegende Mitarbeit ist immer weniger zum Ausdruck gekommen, weil ich im engen Kontakt mit dem mir überlegenen Geist in eine so schwere Krise hineingeriet, dass schreiben unmöglich wurde. Seine Briefe an mich sind daher eine einzige, lediglich von unseren persönlichen Zusammenkünften unterbrochene, gütige Kette von Vorwürfen, Bestürmungen, Klarstellungen - ich habe seinerzeit wohl das wenigste zu verstehen vermocht, nahm sie überwiegend gefühlsmässig entgegen, immer doch die Bekämpfung als Bevorzugung erkennend, und stapelte die Briefe chronologisch zusammen, um "später" darauf wieder Bezug nehmen zu können; von mir auf den Briefen vermerkt sind die Daten meiner jeweiligen schriftlichen Antworten (die denn genug gewesen sein mögen!) oder der jeweiligen darauf folgenden Zusammenkunft.
Dieses Briefpaket ist wohl mein Eigentum, aber nicht in meinem Besitz. Sobald ich es wieder habe, will ich es durchnehmen - nicht nur um Ihnen getreue Kopien für den im Schreiben an mich genannten Zweck zu geben, sondern weil ich längst selber die Notwendigkeit weiss, diese Worte Gustav Landauers heute, da ich nie mehr von ihm direkt werde haben können und wo ich sie voller verstehen werde, auf mich wirken zu lassen.
So lang Gustav Landauer lebte, war es mein Bestreben, zu ihm hinzukommen; mein letzter Brief an ihn, mit Manuskript für den von neuem in Sicht stehenden "Sozialist", ging in Bern ab eingeschrieben am 7. März 1919. Damals jeden Augenblick erwartend, nach München gerufen zu werden, habe ich meine Schriften und Sachen in Bern zusammengepackt und reiste Ende März hierher, um Abschied zu nehmen von den Kameraden, die unter dem Einfluss der Werbung des S.B. im Frühjahr 1914 schon hier zu siedeln begonnen hatten und die für die Dauer meiner Abwesenheit meine beiden Töchter (im Alter von Gudula und Brigitte) bei sich zu behalten bereit waren.
Die Antwort von Gustav Landauer blieb aus - meine Abreise nach München verzögerte sich also; unterdessen gab es auch hier im engsten Kreise Arbeit vollauf; eine Umgruppierung vollzog sich, gemäss den Leitsätzen des S.B. - und dabei lebten unsere Seelen ebenso stark in München: auch ohne greifbare Nachrichten fühlten wir doch alles.
Nur das letzte wollten wir nicht wahrhaben, wollten lieber noch an eine Finte glauben, erwarteten den Flüchtling Tag und Nacht an unserem Thor - bis uns die Danksagung der Kinder zu Gesicht kam; da war es mit dem Hoffen aus.
Damals hätten wir am liebsten die drei Töchter zu uns gerufen; Eitelkeit der Armen war wohl auch dabei: es wäre uns eine so grosse Ehre gewesen - glücklicherweise erfuhren wir gleich darauf, dass sehr bemittelte Freunde und Verwandte den Waisen ein Leben einrichteten, wie unsere karge Existenz es ihnen nicht zu bieten vermocht hätte; obzwar wir vielleicht andere Werte haben, doch die sind noch nicht genügend herausgeklärt um alles andere aufzuwiegen. Dies Bewusstsein unserer Unvollkommenheit ist auch der Grund, warum wir nicht der naiven Aufwallung nachgaben, unser Siedlungswesen hinfort nach unserem Märtyrer zu nennen: nicht Gewöhnung an Namen ist wichtig, aber Erstarkung in dem Geist.
Um zu Ende zu kommen: ich blieb also hier; „das Nächste zu tun“ absorbierte völlig; zu einer Reise nach Bern kam es erst im Dezember letzten Jahres: meine Sachen dort waren durch Fremde in einen Keller des Hauses Pflugweg 5 geschafft worden: dort liegt auch das Briefpaket und jedes mit unserer Zeitschrift zusammenhängende Manuskript. Die Kälte machte es unmöglich, danach zu suchen; ich musste zurückfahren. Bei Empfang Ihres Schreibens dachte ich: „balde!“, und war im Februar wieder in Bern; habe tagelang im Keller gesichtet, aber nicht den zehnten Teil. Das Briefpaket fand sich noch nicht, hingegen ein Teil des ursprünglichen Manuskriptes des „Aufruf zum Sozialismus“, mir seinerzeit geschenkt mit darauf vermerkter Widmung. Das wird wohl einmal etwas für das Archiv. – Ganz bestimmt wird sich alles finden; die Korrespondenzbündel sind alle in Säcke gepackt worden, wobei in der Eile mehrere auseinanderfielen, daher in verschiedene Säcke gerieten, die so zugebunden wurden; ich konnt nicht an alle Säcke gelangen, weil die meisten hinter hochgetürmten Möbeln liegen, und es war niemand, der mir hätte helfen können. Im Sommer wollen zwei Kameraden dann beistehen; es wird alles weggeräumt werden.
Eigentlich ist es ein rechtes Gleichnis; lebenslang bin ich mit meinem Wichtigsten unter Sachen verschüttet gewesen.
Jetzt mache ich eine gewaltsame Anstrengung und frage Sie das Dringendste:
Giebt es in Deutschland gegenwärtig Siedler vom S.B.? – Wenn ja: wollen Sie mir deren Adressen schicken, damit wir uns sofort mit ihnen verständigen können.
Falls Sie das Bekanntgeben der Adressen für eigenmächtig erachten: wollen Sie den betreffenden Kameraden sofort meine Adresse senden, mit der herzlichen Bitte von uns hier, sich gleich zu melden.
Speziell bitten wir die Siedlungskameraden, uns mitzuteilen: 1. ob wir sie im Juni an der internationalen Siedlerzusammenkunft in Holland treffen: 2. ob die zwei Unserigen, welche hinfahren werden, ihnen unterwegs willkommen sind; 3. lieber vor- oder nachher?
Von den vereinzelt lebenden, Ihnen erreichbaren Kameraden des S.B. möchten wir wissen: 1. wo sie leben; 2 ob es ihnen recht ist, wenn wir auf der Hin- oder Rückfahrt bei ihnen vorbeikommen; 3. ob sie vielleicht auf den betreffenden Abend einen kleinen Kreis von Zugewandten zusammenberufen könnten, dem wir Bericht ablegen würden?
Die Kameraden hier vom S.B. wollen als Siedler in Holland einen Antrag stellen, den wir mit den Kameraden in Deutschland gern noch vorher beraten möchten, weil diese Idee durch Gemeinsamkeit erst wirklich wird.
Wenn Sie, geehrte Frau, unser Kamerad sind, werden Sie diese Vermittlung gerne besorgen; wenn Sie jedoch lediglich eine dem Wesen Gustav Landauers Zugewandte sind, so übernehmen Sie, dem Verstorbenen zu Liebe, diese Mühe trotzdem; denn wir wissen jetzt niemanden, ausser Ihnen: vor einem Jahr haben wir an etwa dreissig von uns von vor dem Krieg her bekannte Kameraden des S.B. Brief gesandt mit der Bitte um Lebenszeichen; an die Hälfte unserer Briefe kamen zurück, zum teil nach weiten Postwanderungen, mit dem Vermerk: ‘unbekannt’ oder ‘verstorben’; und im Uebrigen erhielten wir eine einzige Antwort: von einer Frau, die uns bat, durch das intern. Rote Kruez nach ihrem Mann in russland zu suchen, was geschehen ist. so musste es für uns hier erscheinen, als ob für unsere Kameraden in Deutschland gegenwärtig leider nur Ansbach oder Niederschönefeld dauernder Wohnsitz ist.
Also: grüssen Sie von uns aufrichtig diejenigen, für welche dieser Brief in Betracht kommt. Händedruck Ihnen!
Margrit Hardegger

[Quelle: Nachlass Margarethe Hardegger, z.Z. ausgestellt im Museum auf dem Monte Verità.]

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