Quelle: Nachfahren von M. Hardegger

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Margarethe Hardegger an Erich Mühsam

Bern, 11.8.1911

Lieber Kamerad!
Also nun kommt Landauer Anfang September zu uns. Iza [Prussak] und Johannes [Nohl] sind auf Ferientour gegangen. - Auf meinen letzten Brief hast Du zwar noch nicht geantwortet; aber das ist auch gar nicht nötig. jedoch auf diesen hier, dem ich demjenigen an Dr. Ludwig beilege, sollst Du antworten. Ich möchte nämlich aus einem bestimmten Grunde das Gedichtlein wieder haben, das noch in Deiner Brieftasche ist und das ich aus dem Gedächtnis nicht konstruieren kann. Damit Du doch etwas zum Herumschleppen habest, schicke ich Dir dafür ein anderes, das habe ich dann aber abgeschrieben und kannst es also ruhig verlieren. Hannah, die liebe grosse Frau Lewins, Hannah Lewin-Dorsch, die Ex-Sekretärin von Prof. Dodel [?] ist vor 5 Tagen einer Gehirnhautentzündung erlegen. Die kleine Rahel Susanne ist drei Wochen alt. - Berndls sind alle beide in Bern und bleiben vorderhand. Grüsse Morax und die Kameraden alle. Grüsse besonders auch Flierl, sobald er über München kommt. Und wenn Ihr auf Anfang Oktober in München für mich eine Versammlung arrangieren wollt - mit kleinem Beitrag an die Reisekosten, so lass es mich auch wissen. Mir und den Unsrigen geht es prächtig! Warm ist es, heiss!
Ich grüsse –Margrit


Bern, 4.7.1914

Erich Mühsam, mein lieber Freund!
Nun habe ich so vieles zu tun gehabt mit Spedition und allerhand, dass ich zu dem grossen rechten Brief nun wohl die Lust, doch nicht mehr die Zeit habe, In einer Stunde reist Beatrice ab und ich habe ihr ein ganzes grosses Paket an den Bahnhof zu bringen, das du spedieren musst. Lieber lieber Kamerad, ich habe momentan kein Geld - es ist übrigens alles für Deutschland und Oesterreich - leg es aus, ich bitte, schnell schnell. Die Dinge eilen. Bitte sage dem Kamerad Morax, dass ich ihm für die Zustellung des Zettels sehr dankbar bin. ich habe überall danach gesucht. Nun ist alles in Ordnung und besorgt. Die Adressen gingen nach Berlin, mit vielen anderen. Ich lasse ihn und die kleine Frau sehr sehr grüssen. Weisst Du - und eine Nachricht, mit der ich lang zögerte, weil sie mir unangenehm ist im höchsten Grade. Es ist einfach noch nicht möglich mit Deiner Schweizerreise. Wir haben hier unsere ersten und schweren Anarchistenkrisen durchgemacht und atmen kaum. Es ist mir unmöglich, Dich allein diese Reise machen zu lassen und begleiten könnte ich Dich nicht wegen rein häuslichen Gründen. Meine Kinder sind schwer krank gewesen, das eine ist es noch. Und die Mutter ist allein und aus anderen Gründen mut- und kraftlos. Hier braucht mich alles - ich war zu lange weg. Ich bitte Dich, verzeihe mir das. Ich möchte mich in Stücke reissen, aber es geht nicht. Bald bald schreib' ich Dir wieder, und die Tournée werden wir schon machen zusammen. Ich werde eigens dafür ein kurzes Abonnement auch für mich lösen.
Sei mir nicht böse und behalte mich lieb. M.


25.7.1914

Mein Lieber Freund,
heute kann ich Dich nun aus der Ungewissheit ziehen. Also von Vertagen hat er nichts hören wollen, besonders nicht angesichts der jetzt wieder ausbrechenden Kriegsgefahr, ich habe ihn vorläufig beschwichtigt damit, dass ich die Zinsen zahlte, die auf 24. Juni letzthin fällig wurden: 551.70 frs fünfhunderteinundfünfzig Franken 70/100 zusammen mit den 450 frs, die ich Dir früher sandte, macht es nun tausend franken, die du mir, sobald Du irgend kannst, zurückerstatten wirst. Was die andere Schuld von 3500 frs anbelangt, so läuft sie seit 24.IV. 1914 vorläufig weiter, aber ich bin nun ganz in Händen eines Menschen, der mich jederzeit zur Preisgabe des Häusleins zwingen kann, sobald es ihm belieben mag. Die fünfhundert Franken habe ich genommen von dem Geld, das für die Staatshypothek bereit lag; dieser Hypothekarzins 1400 frs wird fällig am 1.Oktober 1914, gegenwärtig habe ich 110 frs auf der Bank. Also bin ich jetzt in die Armut geraten. Mein Studium, das ich wieder aufgenommen hatte, muss ich noch einmal unterbrechen; denn ich fühle mich ausser Stande, mich in dieser Geistesverfassung auf Lehrsätze zu konzentrieren. Nun, denke daran, irgendwie auf 1.Okt. mir ein paar Hundert Franken zurückzugeben, damit mir nicht auch noch der Staat ins Genick fällt, denn bei einer Betreibung von Seite der Hypothekarkasse würde natürlich auch die Bürgschaftsschuld sofort gemeldet, und die Kinder und ich stünden binnen drei Monaten auf der Strasse. Die Hauszinse machen bis zum 1.Oktober keine 500 frs mehr, vierhundert dachte ich uns dann leihen zu können, irgendwo. Aber alles wird jetzt sehr unwahrscheinlich, überhaupt bin ich so niedergeschlagen, ich mag bald nicht mehr. Wie oft schon habe ich einen tüchtigen Anlauf genommen - immer kommt wieder etwas, das mich zurück wirft und noch warten heisst. Du hattest mir im Frühjahr einen so freundlichen ermutigenden Brief geschrieben, für den ich dir nachträglich noch danken möchte. Jetzt bin ich so müde, so müde; wenn es doch auf der weiten Welt einen Menschen gäbe, an den man sich anlehnen dürfte und weinen! ein einziges Mal schwach sein dürfen täte so gut! Hier in der Schweiz ist auch so viel los, und jetzt noch Krieg und böse Zeit. Hier und Überall unter Genossen und Kameraden Streitsucht und Bosheit, wobei man nicht weiss, sind sie die Folge oder sind sie die Ursache des allgemeinen Nichtbereitseins. Zu Landauer finde ich keine Brücke mehr. Wie oft schon setzte ich mich hin, um  alte Dinge, die seit einem Jahr getan sein sollten, endlich abzutun; aber dann würgt es mich plötzlich so, dass ich aufstehen muss; ich habe es noch nicht verwunden. Ja, eben "hätte sie etwas Grösse" - hat Landauer an [Leopold] Katscher geschrieben. Aber warum verlangt und erwartet der Beleidiger die Grösse immer vom andern? Am besten wäre es, Du kämest einmal her, ich bin sehr traurig. Ich würde mit Dir Über die Sache reden - wir waren doch einmal zu Dritt so schön verbündet, und wiewohl ich oft genug andersartes fühlte, so spürte ich die Zusammengehörigkeit doch stärker, wollte nur sie fühlen. Weisst du noch, wie Du uns eines Abends in dem gleichen kleinen Zimmer, worin ich Dir jetzt schreibe, gegenübersassest und mir sagtest "wir beiden - sind halt Juden". Ich wollte das damals nicht gelten lassen. Heute aber bin ich noch viel trauriger, wie damals; ich habe das deutliche Bewusstsein davon, dass ich oft mich nicht gewehrt habe, wo ich hätte wehren sollen; weil ich es für anständiger und schöner und grösser hielt, mich nicht zu wehren, aber daraus ist mir Schuld, schlechtes Gewissen und was noch alles zusammenkonstruiert worden grade von Seiten derer, um deretwillen es geschah. Irgendwie ist da ein Missverständnis, und ich habe mich geschwächt und bin geschwächt worden - und es ist doch schad um mich. In solcher Verfassung bin ich jetzt. Also schreibe mir bald, schnell etwas recht Gutes; am besten komme du selber. Herzlich!

[Quelle: Bestand der Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, Zentralbibliothek Zürich]