| Erich Mühsam
an Margarethe Hardegger
28.12.1914
Meine liebe Margrit,
Du hast mir durch Deine Sendung wieder einmal eine ungeheure Freude
u. wirtschaftlich gradezu eine Erlösung aus schrecklichen Schwierigkeiten
bereitet. Aber Dein Brief betrübt mich. Diesen Pessimismus kenne ich
nicht an Dir, u. ich glaube u. hoffe, dass er eine vorübergehende
Reaktion auf die überstandenen Sorgen u. Leiden ist. Du bist doch
ein starker Mensch mit immer neuen, immer guten Ausblicken aufs Leben.
Was gehts dich an, ob das alles einmal, wenn das Leben aufhört, hinter
dir liegt? Du weisst am besten, dass Deine Spur bleiben wird, da Du eine
Befruchtende bist. Auch ich bin trotz aller Enttäuschungen u. Nackenschlägen
noch nicht mürbe. Ich glaube noch an mich, wie ich an Zukunft, Freiheit,
Sozialismus u. Menschenglück glaube. Wir lassen uns mal unterkriegen
natürlich. Alle die Widerstände des [...] Daseins, die Stumpfheit
der Umgebung, der aufgezwungene Angriff auf [...] Hoffnungen u. Wünsche
deprimieren. Aber was in uns ist u. nur vorwärts reist, ist ja doch
das beste u. [...], was die Welt hat.
Du bist mit Berlin auseinander? Mit Landauer? Seit wann? Warum? Bitte
schreib es mir, da es mich sehr bewegt. Auch zwischen mir u. Landauer ist
eine - unausgesprochene Entfremdung da. Warum? weiss ich selbst nicht.
Aber wir haben uns fast ein Jahr nicht mehr gesehen und nur nicht geschrieben.
Inzwischen hat Else Laskar-Schüler uns mal wegen Senna Hoy geschrieben.
Sie war bei ihm, u. will eine Aktion zu seiner Befreiung unternehmen. Ich
glaube nicht dran. Sie hat prachtvolle seelenhafte Intensität, - aber
als reale Kraft versagt sie. Schreib ihr mal wieder. Es wird sie freuen
u. ermutigen.
Ich schliesse, weil ich abgespannt bin.
Grüsse Deinen Freund. Küsse die Kinder, die ich lieb habe.
Dir wünsche ich ein gutes starkes Jahr 1914.
Dein treuer Freund E.M.
18.7.1914
Liebste Margrit,
ich kann Dir nicht ausdrücken, in welche Verfassung mich Dein
Brief setzte. Zwar kam er mir nicht ganz überraschen, da ich wusste,
dass um diese Zeit herum die Termine fallen mussten, und so bin ich seit
Monaten schon herumgelaufen, um anderwärts Geld aufzutreiben. Leider
ohne jeden Erfolg. Ich bin ganz ratlos. Vielleicht ist es möglich,
dass sich der Geldgeber auf längere Stundung einlässt, falls
ich ihm höhere Zinsen biete? Oder aber: Wenn Du ihm die Zinsen die
bisher fällig waren zahlen könntest (Die [?] wir dann auf unser
andres Konto: die 1000 Mk, die du mir ja zum Teil schon sandtest) und daraufhin
dann eine neue Rechnung bei ihm aufmachtest? Oder weisst du jemand andrer,
bei dem evtl. Du die nötige Summe von neuem pumpen könntest -
und ich [?] dann dafür auf die Erbschaft von meinem Vater hin? Jedenfalls
tue alles, was du kannst u. für richtig hältst, um - sei es auch
unter erheblichen [?] der Sache auf meine Kosten - Dir die Geschichte ohne
Schaden vom Hals zu schaffen. Es ist mir ganz schrecklich zu denken, dass
Du durch mich in üble Lage kommen könntest. Verzeih, dass mir
gar nichts Gescheites einfallen will! Schreib rasch, was geschieht u. was
ich tun soll.
Dein E. M.
28.7.1914
Meine liebe Margrit,
Du kannst Dir denken, wir furchtbar unglücklich ich darüber
bin, Dich in diese Situation gebracht zu haben. Nun will ich natürlich
alle Energie daran setzen, Dir wenigstens bis zum 1.Oktober die paar hundert
Franken zurückzugeben, auf die es jetzt ankommt. Wenn doch endlich
mein Vater stürbe! Das ist wohl ein schlimmer Wunsch, aber, obgleich
ich den alten Mann liebe, muss ich mir [?] erhoffen, dass das Ende meiner
traurigsten Hindernisse wär. Er ist herzkrank, war es schon damals,
als wir den Handel schlossen. Sonst hätte ich nicht gewagt, die Schuld
zu kontrahieren. Mit dieser Widerstandsfähigkeit des jetzt fast 76jährigen
Mannes hatte ich nicht gerechnet. - Mir gehts zur Zeit schlecht, u. ich
muss mir die Reise nach Rom, die ich sehr sehr gern jetzt unternommen hätte,
leider versagen. Du darfst mir glauben, Margrit, ich weiss gut, was du
wert bist, und ich bin Dir in guter Kameradschaft treu.
Die politischen Vorgänge deprimieren mich tief. Bei all dem furchtbaren
Unglück krakelen hier besoffene Patrioten herum, belästigen jeden
Menschen, der ein slawisches Gesicht hat und grölen die Wacht am Rhein
- ein Frankreich beleidigendes Angriffslied, weil Oesterreich aus der Ermordung
des Este eine Spekulation macht und in Serbien einbricht! Grosse Angst
habe ich besonders um meine Braut, die in Eydtkuhnen [?] sitzt. Könnt
ich das Mädl doch herzitieren! Aber - auch das Glück soll mir
wohl nie blühen. Die ewige Armetei gönnt einem gar nichts. Ich
sende Dir in diesen Tagen meine Freivermählten. Liest Du den "Kain"?
Soll ich ihn Dir regelmässig senden?
Mein Wunsch wäre gleich Deinem - eine Aussprache. Du wolltest
wohl Deinen Kopf an meine Schulter legen können und Dich recht ausweinen,
meine arme liebe Freundin! Dann will ich Dir die Augen küssen und
Dich bitten, mir so gut zugetan zu bleiben wie Du es bisher warst.
Ich küsse Deine Stirn und Deine Kinder
Dein E.M.
Kannst Du nicht mal herkommen?
Niederschönenfeld, 17.4.1924
Liebe, beste Margrit!
Dass du mir meine Unruhe um den Peter [Gross] so schnell und befriedigend
genommen hast, war unendlich lieb von Dir, ich danke Dir, und, wie seltsam:
gerade in diesen Tagen erhielt ich auch einen Brief von Frau Netty K. [Katzenstein],
der Freundin Tollers, der ich kürzlich im Interesse eines alten Freundes
geschrieben hatte. Und da sind nun weitere Ergänzungen über den
Peter und seine Schwester [Eva Verena], und vielleicht kann ich Dir jetzt
sogar Neuigkeiten über den Jungen schreiben. Er hat vor einigen Wochen
sein Abiturium gemacht, und zwar das beste Examen von allen. Nun erwartet
Frieda [Gross] ihn bei sich. Ich bin nun sehr neugierig, welchen ferneren
Weg der Bub jetzt wählen wird. Wenn er die durchaus geniale, phänomenale,
bedeutende geistige Potenz seines Vaters [Otto Gross] geerbt hat, seine
Kräfte rein und frei zu halten weiss von den Giften (in jederlei Betrachtung),
die Ottos wundervolle Anlagen zerrütteten, und statt dessen die kluge,
kritische und etwas ironische Spiritualität der Mutter zur Steuerung
seiner Fahrt wirken lässt, dann müsste das Leben dieses jungen
Menschen ein einziges Leuchten werden. Wie ich es wünschte!
Herzlich gefreut hat mich auch Dein Bericht über Lillys Besuch.
Ich sehe sie sehr deutlich vor mir, wie sie vor 15 Jahren war: schlank
mit feinem bräunlichem Teint, sehr weichen Zügen und einem merkwürdigen
kleinen, runden und doch nicht schwächlichem Kinn. Aufs Höchste
interessierte mich Deine Erwähnung der Familie Goesch. So ist er also
- dieser rationalistische Monomane - via Psychoanalyse-Theosophie (bei
sonderbaren Ausgangspunkten von literarischen Bezirken aus) bei Silvio
Gesell angelangt. Das ist auch so einer, den ich - Mann wie Lehre - immer
hoch schätze. Es ist alles ineinandergefügt in seinem Bau - alles
prachtvoll gestützt, alles richtig und unwiderleglich und hat nur
die eine Schwäche, dass dieser Bau isoliert errichtet wird. Gesell
sagt den Menschen: wenn ihr es so oder so macht, ist's gut. er rechnet
ihnen auch vor, wie gut es ist, und die Rechnung hat nicht den geringsten
Fehler. Es ist eine ausgezeichnete Lehre, ein durchaus stabiler Bau - nur
nicht stabil auf jedem Grunde. In die unveränderte Gegenwartsgesellschaft
hinein auf einem einzelnen Gebiet ein grundstürzend neues System einstellen
wollen, einfach weil es theoretisch geht - es geht selbstverständlich
- und nur den Menschen, die dadurch materiell den schwersten Nachteil hätten,
durch Überredung die Zustimmung entlocken - das ist denn doch eine
Naivität ohne Grenzen. Gesell selbst hat natürlich als Erfinder
der Idee, als Entdecker des Verfahrens das Recht auf die Einseitigkeit
des Monomanen. Einer muss da sein, der grade diesen behaut. Aber wer seine
Arbeit verwerten will, und sehen, dass man die Welt nicht von einem Punkt
aus kurieren kann, und dass man, nun an der Ostsee Oliven zu ziehen, erst
den gesamten Boden mit Heisswasseranlagen intensiver Umarbeitung kultivieren
muss, dass man das Pflanzverfahren und die Auswertungsmöglichkeiten
bis zu raffiniertesten Oelpresse bis ins Kleinste kennt, und selbst der
geschickteste Gärtner, ändert nichts daran, dass sich der Oelbaum
weigern wird, an der pommerschen Küste zu wachsen. Dass Goesch nun
gar das Freigeld-Freiland-Prinzip an das eines politisch-autoritären
Nationalismus kuppeln will, ist absurd. Allerdings bin ich mir ja nicht
klar darüber, wie er sich die Kuppelung eigentlich denkt. Sein immer
orginell arbeitendes Hirn wird da schon ein recht amüsantes logisches
Akrobatenstück ausgesonnen haben - Aber jetzt will ich von all dem
aufhören, denn die letzte Seite soll Olga gehören. Du aber lassen
den Faden zwischen uns auch weiterhin nie abreissen. Er verbindet nicht
nur uns zwei, - er verbindet mich zugleich mit einem bestimmten und mir
überaus wesentlichen Teil der Vergangenheit meines Lebens, in das
ich hoffnungsschönste Zukunft erwarte.
Ich grüsse Dich, Margrit,
Dein Erich
Siehst Du, Olga - jetzt fand ich auf den vorigen 3 Seiten keinen Platz,
Deiner Mutter den Empfang und die Erfreulichkeit des Osterpakets zu bestätigen.
Da musst nun du den Dank entgegennehmen. Die gedörrten Früchte
sind ja etwas ganz Wunderbares, und meine Freunde sind nicht minder begeistert
davon als ich. Aber ganz grosse Freude war mir Dein kleines Bild. Ich denke,
Du wirst es vertragen, dass man Dir grad heraussagt, dass Du ein sehr hübsches
Mädchen geworden bist. Ich bin ja nun schon ein ziemlich alter Herr,
den in 4 Jahren die 50 gepackt haben wird, - aber so alt fühle ich
mich noch nicht, dass ich mich nicht auf das Wiedersehen an der Gartenpforte
höchstlich freuen sollte. Bloss, - wird auch die Lisa dabei sein?
Ihr beiden Schwestern gehört für mich zusammen, und bald möchte
ich auch - wenn auch zuerst nur im Bilde - sehen, wie sich Lisa seit den
14 Jahren verändert hat. Euch beiden alles Gute und Liebe, und ich
wünschte recht sehr, immer auf dem Laufenden zu bleiben über
Euer Vorwärtsmarschieren.
Ich grüsse Dich von Herzen, liebe Olga.
In Kameradschaft
Dein E.M.
29.9.1938
Testament
Nein, ich will nicht eher zu Grabe
eh ich nicht auch die letzten Sprossen
irdischen Glücks erstiegen habe
eh ich das Leben nicht vollends genossen!
Eh ich nicht alle Frauen umschlungen,
eh ich nicht alle Lieder gesunden,
die sich in meinen Schmerzen bereiten,
eh ich nicht alle Werte gestaltet,
die sich dem schaffenden Geiste entbinden,
eh ich der Führerpflicht nicht gewaltet,
dass die Menschen ihr Wegziel finden,
eh ich nicht fröhliche Augen sehe,
die von Erhebung und Stolz verjüngt sind,
eh ich nicht über Aecker gehe,
die statt mit Tränen mit Freud gedüngt sind.
Nimmt der Erlöser [?] und Vernichter
von meinen Tagen die lastenden Ketten
sollt ihr den seligsten Menschen und Dichter
tief in befreites Erdreich betten.
[Auf der Rückseite: "Mir übergeben Donnerstag 29.9.1938 am
schicksalsschweren St. Michaelstag Europas: M. Hardegger"
Das Gedicht liegt einem Brief mit unleserlichem Absender bei:
Meine liebe Margrit
Mich [...] dieses Blatt [...] mir beim Packen wieder in die Hände
[...] als ich meine Bücher versorgte - [...] Wie oft denke ich nachts
dieses Märtyrers - in der langen Reise, die wir nie vergessen dürfen!
Damit müssen wir sie am Leben erhalten. Nur von unsern Gedanken u.
unserer Liebe [...] können sie noch bestehen. O liebe Margrit -!"
Den [...] Menschen u. Dichter - "befreites Erdreich". Mit wieviel Blut
und Trümmer wird noch gedüngt, ehe es eine Auferstehung gibt?!
]
[Quelle: Bestand der Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, Zentralbibliothek Zürich]
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