Quelle: Bestand der Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, Zentralbibliothek Zürich

< zurück zur Übersicht

< Quellenverzeichnis


Weitere Briefe von Gustav Landauer an Margarethe Faas-Hardegger 1908-1910

Gustav Landauer an Faas-Hardegger I >

Gustav Landauer an Faas-Hardegger II

Gustav Landauer an Faas-Hardegger III

Gustav Landauer an Faas-Hardegger IV

Gustav Landauer an Faas-Hardegger V

Gustav Landauer an Faas-Hardegger VI

Gustav Landauer an Faas-Hardegger VII

Gustav Landauer an Faas-Hardegger VIII

 

Gustav Landauer an M. Faas-Hardegger I

Diese Abschrift folgt einer Abschrift der Briefe Landauers (wahrscheinlich von Olga Hardegger), die sich im Nachlass von M. Hardegger befindet. Die Nummerierung ist von dort übernommen, in () finden sich ihre handschriftlichen Annotationen auf den Originalbriefen.

Nr. 1
fehlt

Nr.2
Postkarte an Herrn [sic] Mark Harda, Pfluggasse 5 I aus Krumbach (Baden) bei Frau Lachmann: W.G. an die oben v[...]  Adresse bitte [...] bald Endg[...] geplante Vor[...] mitzuteilen. Beste Grüsse
(M.H. telegr. 15.8.1908)

Nr. 3
fehlt

Nr. 4
24./25.8.1908
Geliebte Margaret!
So heisst Du mir nun; es fing gleich hinter Friedrichshafen an. So webt sich nun der Stolz Deines Wesens in jede Erinnerung hinein, die ich an Dich habe. So viel Erinnerung, und so viel, was noch kommen muss. Wir haben nun ein gemeinsames Leben, und wollen miteinander, Hand in Hand, aufs Leben wirken. Ich fühle mich Dir Brust an Brust.
Margareta und Margrith! Du musst mir erlauben und musst es gern haben, dass ich Dir viel von Hedwig, von meiner Frau spreche. Das ist für mich das ganz grosse Erlebnis dieser letzten Tage: dass ich mein Herz grösser, reicher, freier fühle. Ich habe es bis zu dem Moment wo ich Dich traf nicht geglaubt, dass es ausser meiner geliebten Frau noch etwas in der Welt gibt, das ich mit ganzer Innigkeit, mit Seligkeit einschliessen kann, das ich verehre und liebe. Wie eine Insel im Ozean war mir bisher die Einsamkeit meiner Liebe; jetzt ist mir noch dazu eine Liebe gekommen, die mir wie eine Brücke in die Welt ist.
Ich bin heimgekommen, und wir waren alle sehr glücklich miteinander. Nur dass es mir weh thut, etwas so Schönes zu haben, was ich vorerst noch nicht mit ihnen zu teilen wage. Vorerst: denn möglichst viel muss ich schon jetzt mit ihnen, mit Hedwig und auch mit Gudula von Dir sprechen. Und dann kommst Du bald zu uns, und dann haben sie Dich. Ich lege Dir ein paar von den neueren, noch ungedruckten Gedichten meiner Frau bei; es ist eines dabei, das mir überaus schön und heilig ist; und ausser uns beiden bist Du der erste Mensch, der es sieht; es ist das, das habe ich in [den] Tag geträumt, was Du jetzt für möglich erklärst durch Deine (und der andern Kameraden) Initiative: dass wir das Blatt unabhängig von [wahrscheinlich Ramus] - der immer nur ein Notbehelf wäre - machen, meine Liebe, wenn wir es können (dann) wollen wir, ganz entschieden. Ich weiss, Du [...] was Du kannst, und noch fast mehr. S[age] mir, wenn es so weit ist, dass ich mit ver[trauten] Menschen von unserm Vorhaben reden k[ann,] denn auch hier sind opferfreudige, frucht[bar] arbeitende Menschen, und auch sonst in Deutsch[land] da und dort. Grüsse die Gruppen, und [vor allem] E.Fr [Ernst Frick]), den ich ins Herz geschlossen habe, diesen tapfern, melancholischen Menschen, den ich nie habe lächeln sehen. Und ich glaube: es muss entzückend sein, wenn er lächelt, wenn die fürcht[erliche] Last einen Augenblick von ihm genommen ist.
Nach aussen hin muss ich nun zunächst unthätig harren; aber ich habe ein so wundervolles [Ver]trauen zu dir und ich weiss: das Kind wirst [Du] mir geben.
Ich habe nun Dein [Bild zur] Hand, und es sagt [mir]: ist das Blatt erst in sicherer Aussicht, dann [bist] Du bald hier bei mir. Sagt es wahr?
Da Du ein so ganzer Mensch bist, Margareta, [...] hier stehen, was folgt, und worauf wir nun nicht zurückkommen: ich habe ein für alle Mal das Reisegeld für Dich, und Du wirst ein Wort sagen, wenn Du es haben willst.
Und Du: erzähle mir wieder von Deinem Olgele! Unsre Kinder sind [...] in meiner Brieftasche geglaubt und für Dich persönlich gesucht hatte. Du wirst, wenn Du es in Dich aufnimmst, fühlen: es ist nicht das Gewöhnliche, warum ich jetzt noch vor ihr schweigen will, obwohl es mir, viel mehr als ich gewusst hatte, auf dem Herzen drückt, ihr so von Dir zu reden, wie Dir von ihr. Es ist ihr in Wahrheit so gar nichts genommen, es ist ist ihr nur gerade dadurch etwas genommen, dass ich von Dir schweige. Darum musst Du mit Deiner Person in ihr Leben kommen, und dann hoffe ich, reden zu müssen und reden zu dürfen. Einstweilen werde ich von Margarete Faas und ihrem Wirken und von der Liebe, die sie durch ihr öffentliches Thun sät und erntet, erzählen. Und auch Gudula erzähl ich von Dir; mit dem Kind muss ich von allem sprechen. Lotte, die älteste, ist lieb und brav; aber sie ist nicht meines Gleichen. Ich lege Dir ein kleines Bildchen von Gudula bei; weiss nicht, ob man, ohne das Kind zu kennen, etwas davon hat. Das Kind ist der seelenvollste und der gütigste Mensch, den ich kenne.
Nun also, du feine, süsse Margareta, schicke Dein Manuskript, und Deinen Artikel im Manuskript, und Dein Bild und Dein Olgele.
Und lass Dir, was ich vom Sozialismus und von den Wegen sagte, durch den Kopf gehen. Wir brauchen überall kleine Kristallisationspunkte; gründe mir einen in Bern und auch in Zürich; und wenn's nur ein paar wenige Menschen für den Anfang sind. Im Oktober soll der Bund richtig konstituiert werden; die einzelnen Gruppen, die das durch ihre Abgesandten besorgen, müssen vorher da sein. Komm Du dann zur Konstituierung nach Berlin. Vielleicht lässt sich's mit Deiner Hamburger Reise verbinden.
Wird in der ersten Nummer Deines "Sozialist", der meiner sein soll, Platz für einen Beitrag von mir sein? In welchem Umfang etwa? Ich will nun die versprochene Broschüre schreiben, die den Inhalt meiner Vorträge enthält und die zwölf Artikel erläutert: und ich hoffe, sie so schreiben zu können, dass die einzelnen Stücke im "Sozialist" erscheinen können.
Und nun sehne ich mich, von Dir zu hören! Schreibe, bitte, gleich nach Empfang, sodass ich am 26. (oder 27.) den Brief in Empfang nehmen kann; adressiere: G.L. 183 postlagernd, Krumbach (Schwaben). Vielleicht reisen wir schon am 27ten.
Und dann sind wir weit auseinander und werden uns schwer und selten sehen. Ich gestehe, ich trage schwer daran. Leb mir wohl, ich küsse Dich und habe Dich bei mir.
Dein G.L.

[beiliegend: Gedichte von Hedwig Lachmann in Abschrift von G.L.]


Für meinen Liebsten (zum 7.April 1905)

Aus Deiner Liebe kommt mir solch ein Segen,
Sie macht mein Herz so sorglos und so fest,
Ich kann so ruhig mich drin niederlegen,
Wie sich ein Kind dem Schlafe überlässt.

Ich geh dahin von Zuversicht getragen,
Seit neben deiner meine Seele schweift;
So, wie man wohl an schönen Sommertagen
Durch reife Aehrenfelder streift.

Da gleiten sanft die Finger über Blüten
Und Halme hin, wie eine Mutter pflegt,
Und alles Leben möchte man behüten,
Das seine heil'ge Saat zum Lichte trägt.


Auswanderer

Sie nehmen ihre Kinder an der Hand
Und ziehen fort: es duldet sie kein Land

Grenzwächter sind auf ihren Weg gesellt,
Wie wenn ein Hund am Thor die Wache hält.

Sind überm Meer noch ein paar Ackerbreit,
Worauf nicht Gras, nicht Futterkorn gedeith?

Sanddünen, die kein Sämann noch bewarf,
Dass dort ein Bettelvolk verhungern darf?

Der Bauch der Schiffe nimmt sie endlich auf
Zum Ballast hingeworfen, Hauf auf Hauf.

Und setzt sie an der fernen Küste aus.
Wie Findlingskinder vor ein fremdes Haus.


Abstammung

Mein Vater kam von ferneher ins Land.
Aus Gegenden mit reissend schnellen Flüssen,
Die er als Flüchtling hat durchschwimmen müssen,
Damit ihm Willkür nicht in Knechtschaft band.

Und nahm nichts mit auf seine Wanderschaft.
Und war ihm nur verliehen statt aller Habe
Und aller Handwerkschaft die edle Gabe,
Zu singen, und im Herzen eine Kraft.

Er war ein Gottesmann, der Brücken schlug,
Auf Wolkenzügen in den lichten Aether
Und aufwärts trug die Inbrunst vieler Beter,
So hingegeben wie ein Vogelflug.

Aus seiner Heimat, menschenarm und weit
Klang in ihm noch im Ton der Hirtenflöte
Das stumme Dulden langgewohnter Nöte
Und eines alten Volkes Traurigkeit.

Und eingegraben war in Sein und Mark
Ihm fromme Weisheit einer alten Lehre;
Die that er kund und lebte ihr zur Ehre
Und ward geliebt, und starb so jäh wie stark.


Nr.5
Krumbach (Schwaben) 27.8.1908
Du lieber Kamerad!
Da hab' ich nun so ganz schnell etwas für unsern "Sozialist" für dich hingeschrieben. Ich hoffe, es ist gut.
Ich möchte mit dir leben.
Es ist ja wahr: wir leben so schön zusammen; und wie hast Du's verstanden, in Deinem guten Brief, uns in Deinem Leben, den Kindern, den Dingen und Geschäften, den Blumen und den feinen Gedanken, unsre Gemeinsamkeit aus mehr zu erbauen als den schönen Erinnerungen.
Aber ich bin vorläufig noch in grosser Ungenügsamkeit und Sehnsucht; und es giebt keinen Augenblick meines wachen Lebens, wo ich nicht Margareta! rufe.
Aber doch, gewaltsam, zu Sachen. Die "Freiheit" habe ich gesehen,  [Gaginski/Baginski?] meint es freundlich und sachlich; aber er versteht noch nichts und hat mir nichts gesagt. Ich lasse mich aber jetzt auf keine Diskussionen ein; ich schreibe die Broschüre, und dann haben sie, was sie mitdenken können. Dann steh' ich gern Red und Antwort.
Und Du kommst dann nach Berlin! Was war denn so mühsam in Zürich? Die Zeitung? Sag's mir deutlicher.
Sonst aber versteh ich jedes Deiner Worte so gut, und Du lässt mich so schön mit Dir leben. Auch ich will es können; aber ich muss ruhiger werden. Es soll ja eine Freude sein, dass wir uns gefunden haben; ich verspreche: es wird nicht Sehnsucht bleiben. Aber so bin ich: es war eine so grosse Ueberraschung für mich, dass Du da bist und mir also lebst; und ich möchte Dich so oft, so lange, so immer um mich haben.
Dank für die Blumen.
Nimm mein Bild.
Hedwig ist für zwei, drei Tage zu einer Freundin nach München gereist.
Am 31ten fahren wir fort; am 1.September sind wir zu Hause. Schreibe bitte: G.L. 183 postlagernd Waidmannslust (Nordbahn) bei Berlin.
ab. ist eine meiner alten Sozialist-Chiffren. Wen Du lieber willst, stehe mein Name unter dem und allen folgenden Beiträgen. Wenn es geht, möchte ich immer Correkturlesen.
Ich denke an all unser Zusammenleben und bin Dein!
Gib mir einen Namen.
Donnerstag: Guten Morgen, guten Morgen. Ich telegraphiere Dir jetzt

Nr.6
Telegramm No. 3643 verm. v. Krumbach schw.* 123 21 27/8 10.10 harda bei faas pflugweg 5 bern -
Kamerad schreibe noch einmal hierher ich bleibe bis sonntag manuskript etc. unterwegs - gl 183

Nr. 7
Hermsdorf in der Mark, Dienstag 1.Sept. 08
So heisse ich Dich also innig und sehr froh willkommen bei mir zu Hause, geliebte Margaretha. Nach diesen Sommerreisen, wo man viel freie Natur und wenig Behausung hat, bin ich immer wieder gern und fast erstaunt in unsre lieben vier Wände gekommen. Aber diesmal habe ich Dich da draussen gefunden und hab' dich mitgebracht. Komm nur bald wirklich; du, Margareta, so wie du bist, wirst auch meinen andern, die jetzt noch fast nichts von dir ahnen, eine Freude und Freund werden.
So viel weiss ich; sonst steht im Augenblick mein müder Körper im Wege. Wir sind die Nacht durchgereist, der Zug war sehr voll, und damit die Kinder beide bequem schlafen konnten wie in ihrem Bett, haben Hedwig und ich gewacht, und ich überdies die meiste Zeit gestanden. Nur begrüssen also will ich Dich, mein verehrtes, geliebtes Kind. Und Dir Dank sagen, dass Du mir mit Deinen geschriebenen Worte nun auch so wohl thust und dich so lieb, so schmeichlerisch an mein Herz legst.
Ich habe ein paar Stunden geschlafen. Und dann kamen drei Kameraden vom S.B. und wollten sehen, ob ich da bin. Ich erzähle noch niemandem etwas von meinem "Sozialist". Ich freue mich so sehr darauf. Wird es? Was schreibt Ramus? Soll ich ihm auch schreiben?
Hast Du denn den kleinen Beitrag erhalten. Schreibe in der Bahn, musste schon wieder nach Berlin fahren. Schreibe nur oft, und wenn's manchmal nur ein Zettelchen wäre. Lassen wir's, vorerst, bei G.L. 183 Waidmannslust (Nordbahn) bei Berlin, postlagernd.
Und schicke mir - !
Ich wandre mit Dir. Und ich sitze mit Dir am Schreibtisch.
Morgen wieder; und so weiter in Lie, Du!

Nr. 8
Adr. wie 7
Hermsdorf i.d. Mark, 2. September 08, Mittwoch
Margareta!
Ich bin bei Dir; ich arbeite an unsrer Sache. Und zerreibe manchmal eins von den Körnern des Lebensbaums, die ich beilege, zwischen den Fingern; Du hast dann einen Duft, der mir wohl thut, und zwischen uns ist dann über die weite Entfernung weg ein etwas wenigstens von dem Sinnliche, das unsre Liebe ersehnt und braucht. Ist doch diese Sinnlichkeit nichts anderes, nur der lebendigste, der stärkste Ausdruck für den Geist, der in uns eins ist, den wir in uns lieben. War es doch Sinn so gut wie Seele und Geist, was uns im ersten Moment Zueinander geführt hat, im Halten unsrer Hände, im Blick unsrer Augen, in Deiner Stirn, die ich halten und streicheln durfte, auf unsern Wegen über die Berge, und mir nun in jedem, jedem Augenblick dieses Lebens ohne dich.
Du Liebe, du Liebe! wann werde ich dich wieder am Herzen liegen haben und deine Stimme hören? Wohl bin ich ernst und lebe ein erstes Leben; und Du bringst mir Freude. Bringst mir Heiterkeit und frohe Hingabe, wie soll ich sagen, dass Du ja keinen Augenblick falsch verstehst? frohe Hingabe an den Moment, an das Selbstgefühl, das das Leben und die Lebendigkeit von sich hat. Ich liebe Hedwig inständig, jetzt wie je, und war und bin schweigsam, verhalten, melancholisch und traurig in dieser Liebe Ich liebe dich in grosser Innigkeit und Du machst mich froh und mitteilsam und lässt mich - fast wie zum ersten Mal - das Jetzt, die Gegenwart, den Moment lieben. O versteh mich recht, Margaret, du Stolze, Ernste, Dichtende, Sinnende, Geistvolle, versteh recht, was ich zu all dem doch dazu sagen darf: du bist der erste Mensch leichten Sinnes, dem ich Verehrung und Liebe bringe. Was sonst an Frauen Verführerisches, Nixenhaftes oder so was war, ist an mir abgeflossen wie oberflächlichster Hauch oder berührte mich gar nicht. An Dir ist der Sinn, die Haut, das Heidnische nur eine Lebendigkeit, ein Ausdruck, fast gar ein Symbol liebesschönster Innigkeit. Weiss ich, ob das alles so ist? Dass ich aber dich so liebe, wie du bist, das weiss ich. Und so dank' ich dir, dass du da bist, mir da bist; dass Du mir so Liebes thust und dass Dir mein Lieben Freude macht.
Nun hab' ich also heut' Abend angefangen meinen Vortrag, den Aufruf zum Sozialismus, niederzuschreiben. Es geht gut und unaufhaltsam, natürlich; und die Losung, die mich beim Schreiben begleitet, heisst: Bern und der Kamerad. Den ganzen Tag über arbeite ich schnell, weil es sein muss, und intensiv an Übersetzungen; die Nachtstunden gehören unsrer Sache. Das erste einleitende Stück ist geschrieben und ist in sich abgeschlossen, und es wäre mir eigentlich lieber als mein erster Beitrag in Deinem - meinem "Sozialist" als das Stückchen, das ich jüngst geschrieben habe. Ich schreibe es Dir an einem der nächsten Tage ab, und Du sollst dann selbst entscheiden.
Wie aber steht es nun mit dem Sozialist? Was schreibt Ramus? Weisst Du, die Sache muss werden. Es giebt ein paar hundert Menschen, die den alten "Sozialist", meinen, in treuer Erinnerung haben und die sofort den neuen haben wollen, wenn sie von ihm hören. Und darunter nicht gar wenige, die für die Verbreitung sorgen werden. Wenn die Abmachung daher fest ist, wäre es gut, wenn's Dir (und den andern auch) recht ist, dass ich von mir aus, in den anarchistischen Blättern und Cirkularen mitteile, dass der "Sozialist" in neuer Gestalt und mit meiner ständigen Mitarbeiterschaft erscheint. Ist es Dir so recht?
Ich habe hier (Waidmannslust, 20 Minuten von hier) noch keinen Brief von Dir, und frage morgen wieder nach und so Tag für Tag.
Aber ich habe Dir noch nicht gesagt, wie der Brief aus Chaux-de-Fonds mich erquickt hat. Du bringst Dich mir so innig nah, wenn Du schreibst. Nenne mich nur immer, wie Dir's ums Herz ist; Du bringst schon nichts Fremdes mit Dir. Und sage dem Vater Guillaume, wie lieb mir seine guten Worte waren, wenn Du ihn siehst oder einen Deiner Briefe schreibst. Und erzähle mir, wenn Du Zeit hast, was Du da in Chaux-de-Fonds gethan und erlebt hast, mit ein paar Worten.
Und die Manuskripte, auch jenes eine, wo so viel Persönliches von Dir darin sein soll: ich halte alles heilig, was von Dir kommt, und nehme nichts im plumpen Sinn persönlich, was Du gestaltet, nicht einmal, was Du im Leben gestaltet, erlebt hast. Ich nehme, was Du mir davon zeigen willst, als ein Stück Deines Reichtums und kann nicht anders, als dich segnen auf allen deinen Wegen und dir Hand und Stirn und Auge küssen, wohin immer du gehst. Wohin du gehst, du gehst immer von dir zu dir; und ich will glauben, da gehst du auch von mir zu mir; ich will glücklich sein.
Ich will einmal ein Buch von der Liebe schreiben, eine Geschichte; das soll werden, wie ich nie geschrieben habe. Ich brauche aber Musse und Stille dazu; und die Sorgen ums Existieren dürfen mich nicht plagen. Ich schicke Dir nächstens einmal einen Band mit Geschichten von der Liebe, die ich früher geschrieben; nimm sie als Zeugen einer Zeit, wo immer noch da und dort Unsicherheit, immer noch nicht in allen Stücken Freiheit in mir, oder wenigstens in dem, was ich gestaltete, war. Spuren des Konventionellen bleiben ja im Poetischen länger zurück als im wirklichen wollen und Fühlen, als im wahren Wesen. Man braucht ja die Wärme und die Atmosphäre der Heiligkeit; und die Tradition hat so viel davon, und das Neue und Gründe so wenig. Man muss ganz reif sein, um das zu bekommen: die neuen Gefühle, Agitationen, Losreissungen und Negationen, die Aufbäumungen und den Radikalismus wie chemisch zu verbinden mit dem Kern des Leben und Wesens: der innern Ruhe, der ewigen Vergangenheit, dem stillen Frieden der Verbundenheit. - Nimm also dann diese Geschichten als Zeichen einer Zeit, wo ich mich manchmal, im Dichterischen wenigstens, noch nicht ganz gefunden hatte: Du wirst die Stellen schon finde, und die Gestalten, die ich jetzt anders schreiben müsste. - Diese Geschichten übrigens habe ich in Ruhe schreiben können: beide (heimlich) im Gefängnis, die eine vor Fünfzehn, die andre vor neun Jahren.
Dein Bild, Margareta? Bitte, schick mir dein Bild. Du sollst noch so manches langsam von mir haben.
Und sag mir auch einmal deinen Geburtstag.
Gute Nacht, liebes, liebes Menschenkind.

Nr. 9
(gekreuzt mit l. pers., photogr. 4.9.08)
Donnerstag, gegen Mitternacht
Du liebe Margret!
ich kann so gut arbeiten; ich habe das zweite Stück des Vortrags eben in diesen Abendstunden geschrieben, und ich danke es Dir. Ich glaube, es wird gut; aber ich sehe, es wird lang; unter zwei Stunden thu ich's, scheints, auch nicht für die Lesenden. Bald schreib' ich's Dir ab.
Aber ich habe noch immer keinen Brief von Dir, und ich lebe in grosser Sehnsucht.
Du! ich schreibe das so gesetzt, so verhalten. Weisst Du denn aber, wie ich mich beherrschen kann? Wie mir's das Leben beigebracht hat? Weisst Du, wie es eigentlich hinter meiner Ruhe kocht und stürmt? und wie ich es eigentlich, in meinem wahren Wesen, gar nicht aushalte, so von Dir getrennt zu sein? Weisst Du, dass das alles gar nicht so recht ich bin, der da so fortlebt und der da arbeitet? Er schreibt, und ich bin bei Dir. Wie wahr und gut hast du das jüngst gesagt, wie es in der Seele weiterarbeitet, wenn auch der Leib andern Dingen nachgeht. Nur dies Arbeiten in den Nachtstunden ist was Rechtes: ich bin bei dir und schreibe mit dir. Und dann der Schlaf, wo mir ein Traumleben aufgeht, wie nicht seit langem. Ich bin da jetzt immer bei dir, fleischlich in absonderlichen Gestalten, wie sich's für den Traum gehört. Vorgestern hab' ich von Dr. Brubpacher [sic] geträumt; erst von einem dicken, wissenschaftlichen Werk von ihm, in dem ich ganze Seiten las: es war gegen den "Unsinn der Liebe" gerichtet. Dann erfuhr ich wieder, er sei aus Liebeseifersucht nicht in die Züricher Versammlung gekommen. - Gestern war eine Gerichtsverhandlung gegen mich: es wurde mir nachgewiesen, der Knochen, den ich an dem schönen Bergsee unterhalb des Faulhorns gefunden habe (er ist einer meiner Talismane aus der Zeit mit dir: neben einer Sicherheitsnadel, einem kleinen Tüchlein, und einem Kiesel vom Rorschacher Ufer), dieser Knochen sei kein Kuhknochen, sondern vom Fuss eines schönen Mädchens, und ich verteidigte mich: ja, es sei wirklich der Knochen eines schönen Mädchens, aber das sei kein Beweis, dass ich sie ermordet habe. Und dann wache ich immer einen Augenblick auf und fühle zu dir hin.
Margrit, ich will morgen einen Brief von dir finden.
Freitag. Aber ich habe ihn nicht gefunden ...

Nr. 10
Adr. wie 9, Poststempel 4.9.08
Freitag
So, Du Geliebte, das hab ich nun für Dich abgeschrieben, und nun für heute kein Wort mehr. Du fühlst wie ich bei allem bei Dir war und Deine Hand hielt und Dir in Dein Auge sah.
Morgen schreibe ich wieder. Vielleicht habe ich dann auch einen Brief von Dir.
Bitte, füge die Seitenzahlen ein und schreibe mir, an welcher Seite wir halten.
Es ist noch gar nicht abzusehen, wann ich fertig werde.


[Quelle: Bestand der Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, Zentralbibliothek Zürich]