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Korrespondenz M.
Hardegger und August Faas
August
Faas an Margarethe Hardegger
Erfurt, d. 28. Febr. 1914
Liebe Margrit!
In der Anlage sende ich Dir wieder 50 M. – in Scheinen. Ich nehme an,
dass Du das Geld regelmässig in den ersten Tagen des Monats
erhältst. Sollte es einmal nicht der Fall sein, s bitte ich um
frdl. Ankündigung.
Was den Besuch Olgalis betrifft, so kann ich in dieser Richtung
vorläufig überhaupt noch keine Dispositionen treffen. Ich
habe bis jetzt trotz vorgerückter Saison noch kein Engagement und
auch vorläufig nichts Passendes in Aussicht. Ich weiss also nur,
dass ich bis 21. April in Erfurt bin, aber nicht, was nach diesem
Termin sein wird.
Sowie ich in der Lage bin, in dieser Hinsicht Verfügungen zu
treffen, werde ich Dich benachrichtigen. Einstweilen empfange meinen
besten Gruss und küsse die Kinder.
Dr. Faas
August Faas
an Margarethe Hardegger
Zürich II, den 26. April 1914
Scheuchzerstr. 12 gart.
Liebe Margrit!
Darf ich Dich herzlichst bitten, mir möglichst umgehend mein
Dienstbüchlein (Militärgass)[?] zu schicken und mir
vielleicht mitzuteilen, wie Du s.Zt. die Angelegenheit betr. Abemldung
und Militärsteuer geordnet hast.
Mit bestem Dank im Voraus und herzlichem Gruss an Dich
Dr. Faas
August Faas
an Margarethe Hardegger
Zürich, den 7. Mai 1914
Scheuchzerstr. 12, gart.
Liebe Margrit!
Bereits zweimal habe ich Dich nun gebeten, mir Auskunft über mein
Militärzeugnis zu geben resp. mir diese zu schicken. Du machst mir
durch Dein Stillschweigen ernstlich Unannehmlichkeiten und das liegt
doch sicher nicht in Deiner Absicht.
Deiner umgehenden Antwort entgegensehend bin ich mit Gruss Dein
Dr. Faas
August Faas
an Margarethe Hardegger
Zürich, den 10. Mai 1914
Liebe Margrit!
Du hast mich nun auf meine zwei Karten und die Mitteilung auf dem
Postabschnitt ohne Antwort gelassen. Ich habe erwartet, dass Du mir
wenigstens irgend einen Bescheid gibst, damit ich mein Verhalten bei
der polizeilichen Anmeldung danach hätte einrichten können.
Ich werde ja nur für die Jahre, die ich im Ausland gewesen bin,
die Militärsteuer nachzahlen müssen.
Es ist mir nach deinem hartnäckigen Schweigen nichts anderes
übrig geblieben, als ohne Dienstbüchlein auf’s Kreiskommando
zu gehen und dort anzugeben, das Buch befinde sich bei Dir. Ich bin nun
dort aufgefordert worden, Dir mitzuteilen, dass das Dienstbüchlein
polizeilich bei Dir erhoben wird, wenn Du es mir auf einen nochmaligen,
eingeschriebenen Brief nicht zusendest.
Es liegt doch in unserem beiderseitigen Interesse, es dazu nicht kommen
zu lassen. Andererseits kann ich natürlich den Gang der Dinge
nicht hindern, wenn Du mich weiter in dieser Weise im Stich lässt.
Mit freundlichem Gruss!
Dr. Faas
Margarethe
Hardegger an August Faas
Bern, den 12 Mai.1914
Die seit April viermal an mich ergangene Mahnung zur Rückgabe des
Militärbüchleins und die gestern erhaltene schriftliche
Drohung mit dem Landjäger bestätigend, teile ich mit, dass
ich das beiligende Büchlein vor einer halben Stunde nach
vierzehntätigem ununterbrochenem Suchen gefunden habe.
Wegen der verspäteten Rückgabe will ich wenigstens versuchen
mich zu entschuldigen.
Als du 1908 von Bern fortgingst und die Meinung bei uns beiden bestand,
dass ich dir in zwei bis drei Jahren mit den Kindern nachkäme,
behielt ich das graue Büchlein als einzigen schriftlichen Ausweis
für die Kinder und mich. Zwei Jahre durch sandte ich auf Ersuchen
jeweilen das Militärbüchlein samt Militärsteuer nach
Wülflingen. Im dritten Jahr setzte es eine Korrespondenz, an die
ich mich jetzt nicht mehr genau erinnere und die ich leider nirgends
mehr finden kann; nur soviel weiss ich noch, dass ich persönlich
auf dem Kreiskommando in Zürich war und dass dort ausgemacht
wurde, Du mögest Dich melden, sobald Du wieder ein Einkommen
habest, oder in die Schweiz kommest.
Als dann auf Deinen Wunsch hin unsere Scheidung eingeleitet wurde, hast
Du mir zu verschiedenen Malen das Büchlein zurückverlangt;
Deinem Verlangen zu entsprechen ist mir aber rein unmöglich
gewesen, und zwar aus folgenden Gründen:
Als ich von meiner schweizerischen Sekretariatsstellung
zurückgetreten war, schlug ich einen neuen Berufsweg ein und ging
in’s Ausland. Alle Bücher, Schriften, Zeitungen und Manuskripte
blieben in einem Zimmer daheim bei den Eltern und den Kindern. Meine
neue Existenz habe ich jäh abbrechen und nach Bern
zurückkehren müssen, weil die Mutter gelähmt war. Fremde
Leute hatten unterdessen „Ordnung gemacht“ und meine Sachen in den
Keller gebracht. Vierzehn Monate lang hatte ich neben der lahmen
Mutter, den kleinen Kindern und ohne anderes Einkommen, als was ich
selber verdienen konnte, anderes zu tun, als in alten Papieren zu
kramen. Nach dem Tod der Mutter habe ich wieder eine grössere
Sekretariatsarbeit im Ausland übernommen. Während meiner
Abwesenheit fand in einer mich absolut nichts angehenden Sache eine
Haussuchung statt – mit dem einzigen Resultat natürlich, die
Wohnung zu hinterlassen wie nach einem Pogrom. Als ich heimkam und
notdürftig Ordnung hergestellt hatte, begann mein eigener Prozess,
der uns zwei Jahre [...] hielt.
Unterdessen fand die Ehescheidung statt, und nicht weniger als vier Mal
sind in meiner Abwesenheit meine Schriften und Sachen zu Bündeln
verschnürt und durch fremde Hände in Kisten verbracht und in
Kellern und Estrich verstaut worden; als alles vorüber war und ich
wieder zu einem Obdach kam, ist der Vater gestorben; das war letzten
Sommer; ich habe die alten Dinge liegen gelassen, wo sie lagen, und das
Leben neu einzurichten begonnen. Es gab Reparaturen baulicher Art vom
Dach bis in den Keller. Im April sind wir damit fertig geworden; und da
gerade, wie ich glücklich im Zug bin, endlich fröhlich wieder
über meiner Verdienstarbeit zu sitzen, verlangst du das
Militärbüchlein! - Natürlich habe ich gleich gemerkt,
dass es ernst ist, und seit vierzehn Tagen kauere ich in Estrich und
Keller über den aufgebrochenen Kisten und losgeschnürten
Schriftenbündel. Staub und Vergangenheit haben mich dabei so
mitgenommen, dass es mir einfach unmöglich war zu schreiben, ehe
ich das Büchlein gefunden hatte. Nun also jetzt ist es da. Dass du
mir gestern mit dem Landjäger drohtest, war ziemlich unnütz;
wenn Du noch irgend eine Erinnerung hättest, würdest Du
wissen, dass so etwas auf mich konträr wirkt. Ich las den Brief im
Keller, wohin er mir gebracht wurde, legte alles auf der Stelle hin und
gedachte, den Landjäger einfach abzuwarten. Dass ich es heute
Abend zufällig fand, ist ur dem Unstand zuzuschreiben, dass ich es
mit Planlosigkeit suchte, so obenhin und mit dem üblen Willen, es
nicht mehr zu finden. Und grad an so einem Ort war es. Schade um den
Landjäger!
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Du bist ein braver Bürger geworden, und ich bin unbotmässiger
als je. -
Die Kinder entwickeln sich gut sie stammen unverkennbar aus
Deinen besseren Jahren. Von ihrem Papa machen sie sich ein Bild etwa
wie von einem Sonnengott, und wie die Mücken werden sie ihrer
Sonne zufliegen; seit sie wissen, dass es s nahe ist, giebt’s bald kein
Halten mehr. Sie haben sich einiges Geld erarbeitet (mit
Sägmehlsieben!) und Olga ist selbständig genug. Mache Dich
also darauf gefasst, sie eines Tages in Deinem Hansgang zu finden.
Mit dieser für Dich schrecklichsten aller Drohungen und einem
freundlichen Gruss nebst der höflichen Bitte um
Empfangsbestätigung will ich schliessen.
Margrit Hardegger
P.S. mit den Kindern bin ich nie ironisch.
August Faas
an Margarethe Hardegger
Zürich, den 14. Mai 1914
Liebe Margrit!
Du hast mich total missverstanden. Ich habe dir nur in milder Form
mitgeteilt, was man mir auf dem Kreiskommando unter gleichzeitiger
Strafandrohung aufgetragen hat. An meinen guten Willen kannst Du
glauben und ihn schon daraus ersehen, dass ich jetzt, wo ich doch
garnichts verdiene, versuche, meinen Pflichten den Kindern
gegenüber absolut nachzukommen. Ich glaube deshalb, dass es im
wohlverstandenen Interesse der Kinder liegt, wenn wir uns gegenseitig
möglichst wenig Schwierigkeiten bereiten.
Gleichzeitig bitte ich Dich, mir den Besuch der Kinder womöglichst
einen Tag vorher genau anzugeben, damit ich mich frei machen und sie an
der Bahn abholen kann.
Mit freundlichem Gruss
Dr. Faas
Margarethe
Hardegger an August Faas
Bern, den 24. Juli 1914
Lieber Freund,
heute machen wir Dir nicht gar grosse Freude; der Liesa ihr Zeugnis ist
zwar wieder etwas besser geworden. Aber bei Olga macht sich der
Schulwechsel über bemerkbar. Mit ihrer Lehrerin, die etwas
pedantisch wirklich zu sein scheint, kommt sie überaus schwer aus.
Den Bericht der Mädchenschule lege ich bei, nachträglich
bedaure ich es noch viel mehr, dass die Olga ihr Aufnahmeexamen nicht
in’s Progymnasium gemacht hat. – Es wäre i gleichen zugegangen,
und unter den Jungen würde ihre Unbändigkeit weniger schlimm
abstechen, als unter der Töchterschaar, die zur Zimpferlichkeit
von Haus aus angehalten wurde – aber ich hatte eben gedacht, es solle
kein Kind zu einer höheren Schule gezwungen werden, sondern es
müsste diese Höhere Schule als Vergünstigung betrachten,
so wie ich das seinerzeit getan hatte. – Der Rektor erklärte mir,
wenn sie eine gute Schülerin sei, könne sie nach einem Jahr
mit Leichtigkeit hinüber in’s Progymnasium. Aber eben: eine gute
Schülerin; ich habe ihr das jetzt in Aussicht gestellt; vielleicht
giebt sie sich jetzt mehr Mühe, um nur aus der Mädchenschule
wegzukommen. – Sie meint zwar, sie wolle wieder in die Primarschule;
aber das giebts doch einfach nicht. Schreib Du ihr doch einmal etwas
über die Sache, vielleicht jetzt im Anschluss an das Zeugnis ...
Nun liegen 8 Wochen Ferien vor uns; Olga fragt nun an, ob sie zu Euch
kommen dürfe; ich habe sie schon darauf vorbereitet, dass Papa
vielleicht auch im Anblick auf das Zeugnis ablehnen werde ... aber, wie
Du meinst und kannst.
Und jetzt etwas von uns. Also Anfang Juni und Anfang Juli habe ich, wie
seit Oktober 1913 immer, die 60 frs. erhalten. Nun habe ich Dich
ersuchen wollen, sie mir diesmal ein paar Tage früher nämlich
postwendend zu senden. Am Sonntag läuft ein Billet ab, mit dem ich
die Kinder bis nach Sargans bringen könnte, von dort ist’s nicht
mehr weit bis in mein ursprüngliches Heimatdörfchen; dort
könnten beide oder wenigstens Lisa bei meiner Tante leben, sehr
einfach, aber sehr gesund. Dazu ist aber unerlässlich, dass ich
beiden Schuhe kaufe, Socken, für mich das Billet, und sonst noch
allerlei für den Ferienaufenthalt. Darum müsste ich aber,
wenn wir das Billet, das ich habe, noch sollen ausnutzen und am Sonntag
in aller Frühe sollen fahren können, das Geld am Samstag noch
bekommen. Habe die Freundlichkeit und schicke es gleich.
Noch eins. Wir können mit unserem Billet auch über
Zürich fahren (und über Luzern). Schreibe gleichzeitig, ob Du
die Kinder an den Bahnhof grüssen kommen willst; wir fahren am
Sonntag hier 6.50 morgens fort.
Mit freundlichem Gruss an Euch beide
Margrit
August Faas
an Margarethe Hardegger
Zürich, den 26. Juli 1914
Scheuchzerstrasse 65, gart.
Liebe Margrit!
In Beantwortung Deines Schreibens – das Geld hast du ja noch richtig
erhalten – teile ich Dir mit, dass es mir momentan leider
unmöglich ist, Olga in den Ferien zu mir zu nehmen. Ich gehe
bereits in einigen Tagen hier an das Bezirksgericht als unbesoldeter
Auditor und bin dann den ganzen Tag von Hause abwesend, sodass ich mich
garnicht mit dem Kinde beschäftigen könnte. Ausserdem wohne
ich, wie Du weißt, vorläufig möbliert und könnte
mit Rücksicht auf die beschränkten Raumverhältnisse Olga
nicht unterbringen. Hoffentlich wird sich dieser Zustand mit der Zeit
ändern. Vorläufig bin ich voll schweren Sorgen, da ich, wie
Du weißt, völlig mittellos bin und noch keine bestimmte
Aussicht auf eine einigermassen honorierte Stellung oder Tätigkeit
habe.
Mit bestem Gruss!
Dr. Faas
[Quelle: Bestand der Stiftung Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung Zürich, Zentralbibliothek Zürich]
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