Margarethe Faas als Arbeitersekretärin, mit Widmung für Gustav Landauer
Quelle: IISG Amsterdam

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Margarethe Faas an Gustav Landauer

Die meisten der Briefe von Margarethe Faas-Hardegger an Gustav Landauer sind verschollen. Erhalten geblieben sind nur drei, zum Teil fragmentarische Briefe, die alle nicht namentlich gekennzeichnet sind und nur anhand der Schrift identifiziert werden können. Nach Landauers Tod reiste Margarethe Hardegger 1921 nach Deutschland, wo sie auch die älteste Tochter Landauers, Charlotte Kronauer, besuchte und sie um die Rückgabe ihrer Briefe bat. Da die Briefe nicht zur Hand waren, versicherte Charlotte Kronauer wenig später brieflich, sie werde diese so bald als möglich nachsenden. Nachher verliert sich jede Spur. Als Martin Buber eine zweibändige Landauer-Brief-Edition vorbereitete, war von den Briefen von M. Faas an Landauer in der Korrespondenz keine Rede.


[Fragment]

4.9.1908

Aber jetzt ist es viel anders, mein lieber Kamerad, viel viel schöner.
Und was man immer in der Ferne ahnte, das taucht nun auf und bringt freudige Gewissheit. Diese hier war Eine, die oft wie verzweifelt auf abgelegenem Seitenposten sich einsam gegen den Feind wehrte. Und was anderes half einem wohl, als innere ständige Mahnung: die Kameraden werden schon kommen, müssen ja kommen; und sollst Dich dann brav gehalten haben.
So ging’s – und jetzt taucht die weite Welt auf und Unterstützung kommt – ich sage mit Absicht nicht: Ablösung. Denn ich bin noch kein kleines Bisschen müde.
[Pierre] Ramus antwortete zwar noch nicht. Aber selbst wenn er nicht wollte, so geht es jetzt doch.
Denn ich war letzte Woche 4 Tage in Zürich und jetzt wieder drei Tage und werden eine feine Gruppe dort haben. –Alle sind sie jetzt freudig, für diese neue Sache, und am allerliebsten begännen wir gleich mit dem universelldeutschen Blatt, oder wie soll ich es sagen? – Einfach: die Zeitung für alle Kameraden deutscher ZUNGE auf dem Kontinent. Die Freunde sind jetzt dafür gewonnen, dass sie die Mittel schaffen, sowieso. – Ramus mag schreiben, was auch immer. Die Schweiz gerade muss das machen. Alle wollen es.
Und ich sage Dir, beunruhige Dich nicht. Alles, was geht, wirst Du immer sofort wissen.
Für heute genug – mein Zug steht wohl schon in der Bahnhofhalle.
Wisse, dass Du so sicher sein darfst wie gestern, und heute. Und morgen auch und immer. M.

[Quelle: IISG, Amsterdam, Nachlass Gustav Landauer]


[Fragment, ohne Anfang, ohne Datum, liegt einem Brief von Erich Mühsam aus München bei vom 6.7.1909.]


Wenn es dir recht ist, und Du noch niemanden anderes bestimmt hast, möchte ich Deinen Artikel „Frankreich“ übersetzten. Und ich möchte [Luigi] Bertoni bestimmen, ihn im „Réveil“ zu veröffentlichen. Wenn wir Bertoni haben könnten, so hätten wir für die französische Schweiz (in welcher man sowie so viel praktischeren Geistes ist als im reinen Frankreich) eine ungeheure Kraft gewonnen. Wenn es mir nicht möglich ist, so werde ich die Sache mit der Exploitée besorgen. Am 1. Jan erscheint sie jetzt wieder.
Wie das merkwürdig ist: obschon Deine Art, die Welt aufzufassen, immer in mir steckte, habe ich doch in all diesen Monaten das Gefühl einer inneren Umwälzung gehabt, einer Umwälzung, die mich so tastend, so unsicher machte, dass ich einfach die Feder nicht führen konnte. Wäre das möglich, dass solche Erschütterung durch die äusseren Verhältnisse bewirkt werden könnte und durch die in ihnen sich vollziehenden Erschütterungen? Und wenn ja, ist solche Einwirkung bei einem klug und energisch sein wollenden Menschen verzeihlich? – Ich kann mich zuweilen nicht enthalten, den Kopf über mich zu schütteln. – du, ich habe mich mit dem alten James Guillaume immer noch nicht wieder verständigt. Ich weiss wohl, dass er Recht hatte mit seinem Vorwurf der Unzuverlässigkeit. Habe doch Dich sogar im Stiche gelassen und in welchem Moment! Aber Du hast immer die Überzeugung behalten, dass es einzig ein Im-Stich-lassen im Äussern der Tätigkeit ist (schlimm genug, wahrlich!) aber wirklich doch allein in äusserer Betätigung. Und hast nach wie vor gewusst (oder Dir etwa nur den Anschein gegeben? Nein!) – hast immer gewusst, dass ich innerlich treu bin und nur einstweilen mit mir zu tun habe, das an mir tun muss, was ich nachher andern an sich zu tun erleichtern soll. Guillaume aber hat mir misstraut. Er hat mir geschrieben, dass ich wohl deshalb nicht mehr arbeite, weil ich in der Gefahr stehe, mich zum individualistischen Anarchisten zu entwickeln. Und ob ich nun auch weiss, dass man das auch in gutem Sinne sein kann, so ist mir doch klar genug, dass J.G. das hier nur im schlimmsten Sinne verstanden wissen wollte. Und es ist mir unmöglich, die Brücke wieder zu schlagen. Ich bin wie gelähmt. Dazu kommt ein Missverständnis von nur, von wirklich nur dialektischer Bedeutung. Und er hat geschrieben: vous n’êtes pas vraie. Das ist jetzt schon viele viele Wochen her. M. Nettlau ist doch sein bester Freund. Und M.N. ist doch unser (Deiner und meiner!) Kamerad, hat mit mir auch schon korrespondiert, aber nur in administrativen Dingen. Ich weiss eigentlich ganz klar nicht, was ich will, dass ich Dir das schreibe.
Bitte, gieb mir einen Rat, es ist da etwas, das mir weh tut, ganz leise nur, aber ununterbrochen, - es ist doch wirklich nicht vernünftig, sich um solche unscheinbare und so leicht zu beseitigende Wunden nicht zu kümmern.
Das ist übrigens auch was Rechter, Dir jetzt zu all Deinen Dingen noch mit meinen Beschwerden zu kommen. Nimm es las Zeichen meiner Achtung, dass ich mit allem ausgerechnet zu dir laufe, wie ein Kleines.
Jetzt, sei mir so herzlich herzlich gegrüsst! Ich bin hier wieder im Englischen Garten; Musik ist und Feiertag und viele geputzte Menschen. Laut und Lärm. Darum wechselt die Schrift so oft und Sätze werden begonnen und gestrichen.
Wie viele werden durchgedacht und nicht einmal begonnen im Briefe!
Ich bin ein wenig melancholisch. Aber es ist gewiss nicht um meinetwillen. Man sieht und mit-erlebt hier so viel...
Mir selber geht es so gut
Wann werdet denn Ihr beide dort ausruhen?
Du Freund! Überhaupt, diese Nummer[?] und ihre ganze Einstellung auf den einen Moment!

[Quelle: Akademie der Künste, Abteilung Literaturnachlässe, Nachlass Erich Mühsam]



[Einem Brief von Erich Mühsam beigelegte Nachricht von Margarethe Faas]

22.7.1909

Lieber Freund!
An [Ernst] Jost schreibe ich – er wird uns etwas senden. – Ich werde erlöst sein, mit Dir sprechen zu können – über so vieles, vieles. Ich höre auf meine Stimme, in diesen Tagen.
Auf ein mal ganz unterirdisch klang sie herauf, wie durch viele viele Schichten hindurch. Als ich sie zum ersten Mal hörte, wurde ich vor Erstaunen stumm.
Es ist eine Art von freudigem Schrecken. Alles, alles, was ich bis jetzt äussert, war bloss Reaktion auf Umwelt. Ein instinktives Sich-Wehren gegen Dinge, Menschen, Vorkommnisse, die einen verletzen wollen. Conträr-Wirkungen. Aber ich habe ja eine Stimme, eine eigene Stimme – Du wusstest das – ehe ich sie kannte.
Aber weißt Du auch, was sie sagt?
Es ist gar nicht das gleiche – alles andere ist fremd. Mühsams Versammlung und alles ist auch fremd. Alle Verzweiflung und alle Krankheit ist fremd.
Ist es schön zu wissen, dass die innerste Stimme, das Eigene gerade das Gemeinsame ist. Mit denen die das Eigene haben.
Die das Gemeinsame nicht haben, werden es nicht verstehen. Es ist ein Mittel, um verständlich zu sein.
Du wirst mich mit Freude wiedersehen. Dieser Brief ist fassungslos.
Was fassungslos erscheint ist eben Fassung.
Es ist auf einmal gekommen durch kein Buch, auch durch keinen körperlichen Menschen. Es sind Ströme, die schon lange lange fliessen, ich bin schon lange mitten drin und plötzlich setzt es mich in Bewegung und ich fliesse auch. Man wird vor lauter Bewegung fassungslos.

[Quelle: IISG Amsterdam, Nachlass Gustav Landauer]

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