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Ernst Frick an Frieda
Weekley-von Richthofen
Polizeikaserne, 12.6.1912
Gerne würde ich Dir schon geschrieben haben, wenn ich nicht
fürchtete, zu konventionell sein zu müssen für Dich. Ich
habe flüchtig gehört, dass Du auf dem Continent bist, aber es
war mir leider nicht möglich, hier nähere Nachrichten zu
erhalten. Du musst das verzeihen und etwas entschuldigen durch meine
Haft. Du weisst aber, dass ich sehr froh und freundschaftlich denke.
Ich weiss, dass Du mich hier sehen wolltest, doch ist es mir nicht ganz
recht mich jetzt mit Dir im Gefängnis zu treffen. Wenn Du mich
beneiden würdest, um meine Zelle, würde ich rasend werden und
könnte es nicht sagen. Was könnten wir hier anders, als eine
gewöhnliche Conversation führen so wie in England: “Are you
now arrived in our sweet country?” “I am happy.” “Your dear father, the
old fencer, he will not come to meet me?” “Never mind! He travel only
for his own health.” “Post[?] Earnest?” “Not for the next year. He is
just of the search for a new letter-combination.” “I am happy to learn
it. I never fancy the translation of losen peoples.” Und so fort. Mein
Horror vor nur durch Schweigen zu lösenden Schwierigkeiten
könnte Dir unfreundlich erscheinen. Ich will nur sagen, dass sie
in ihrer Nichtigkeit tötlich [sic] sind, was man nicht weiss, so
lange man einen runden Erlöserglauben hat. Du musst mir glauben,
dass ich hier ein glückliches Denkerleben führe und mit einem
beglückenden Schatze[?] herauskommen werde. Du wärest mir
genug, so etwas zu glauben. In der Zeit: ich kann eine Weile lang ruhig
mit einem [...] (oder wenigstens nicht [...]) Gedanken beschäftigt
sein, dass dann auf einmal Jemand mit einer höchst dringenden
[...] “entscheidenden” Sache kommt. Wie das ermüdend ist, ist
nicht zu sagen und welche Mühe, bis die Blase auf ihre Haut
reduziert ist. Nein, ich lebe in einem alltäglichen Leben, in dem
die unwichtigsten Dinge den Ausschlag geben wollen, und dass ich alles
anhören muss und nicht weglaufen kann. Es ist allzu verwandt mit
früheren unfreien Perioden in meinem Leben, so dass mir die Augen
über alle möglichen Unfreiheiten wieder aufgehen. Ich glaube,
darum auch Dich in deinem unruhigen Leiden zu verstehen, gerade weil
ich Dich in der Überschätzung der Freiheit neu verstehe. Es
ist eine unvermeidliche Folge der Gefangenschaft, dass die Dinge an
sich, und die Ideen, überschätzt werden. Der Himmel ist
entführend und die Luft berauschend, man steht mit betäubten
Sinnen der Differenzierung des Lebens gegenüber und das [...]
Gefühl ist das Unglück. Es verkümmert im Gefängnis
die Bewegung, das Gehen unter und in den Dingen. Tölpelhaftigkeit,
Ungeschicklichkeit im Verhältnis zu den Elementen entstehen. -
Luft, Himmel, Freiheit sind ganz undiscutable Dinge. Sie müssen da
sein. Ganz und unverfälscht[?]. Wenn nicht, muss man wohl um sie
kämpfen, aber man darf nicht vergessen, dass man mit seinem Leben
bezahlt. Wie die Freiheit eine selbstverständliche Voraussetzung
ist, so ist der Kampf darum und der Sieg erst der blanke Anfang des
Lebens. Wenn man das nicht weiss, kann man Höllenängste
ausstehen.
An sich sind eben Himmel, Luft und alle Elemente auf Erden und im
Menschen gleichgültig und ihr Besitz will gar nichts sagen, es ist
nur das Bewusstsein der Gegenwärtigkeit notwendig. Aneignung und
[...] zählen noch nicht zum Leben und der Heisshunger ist der
törichteste Irrtum. Unser Leben beginnt, wenn uns diese Dinge
selbstverständlich geworden sind (wo der Mittelmässige,
“blasiert” wird) und zu unserem Leben können wir nur die artigen
Verhältnisse zu den Dingen rechnen, die Verfeinerung der Bewegung
und Beziehung in voller Gegenwart von Kraft und Freiheit meint den
Unterschied von der gewöhnlichen Kultur, die immer auf Decadenz,
ein Rücklaufen, hinausgeht.
Diese kleine Bemerkung machte ich nur, um Dir zu sagen, dass Du Dich
von Freiheit und Ähnlichem[?] nicht entmutigen lassen darfst. Sie
ist für den Starken unentrinnbar, die Reue wäre höchst
überflüssig. Und dann darfst du das, was auch schrecklich
sein kann, nicht ernst nehmen, nämlich dass einem die Freiheit
quasi feige geschenkt wird, wo man wenigstens einen Kampf erwartete,
heimlich die Begleitung. Man darf viele nicht aus ihren Höhlen
zerren, sonst werden sie fremd, anstatt dankbar zu sein, dass man sie
gelassen. Was hülfe Dir eine Gesellschaft von Schacalen.
Du siehst, dass Du von einem Gefangenen über Deine Freiheit
getröstet wirst. Ich weiss nicht, ob ich ganz am Platze bin. Sei
nun ganz guten Mutes, wir werden das alles noch ganz gut besprechen.
Ich hoffe sehr bald da zu sein.
Dein Ernst
Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, E 21 14350
[Frick schrieb diesen Brief aus dem Gefängnis, wo er in
Untersuchungshaft sass, weil ihn Robert Scheidegger als Urheber der
Überfalls auf die Zürcher Polizeikaserne 1907 denunziert
hatte. Seine Geliebte Frieda Weekley-Richthofen, die mit ihrem neuen
Liebhaber D.J. Lawrence in Deutschland weilte, hatte Frick einen Besuch
im Gefängnis angekündigt.]
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