Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv

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Gesuch um Entlassung aus der Untersuchungshaft

Bern, den 14.Juni 1915

Verteidigungsmemorial an die I.Strafkammer des bernischen Obergerichts

Herr Präsident, geehrte Herren!

Die Aufschlüsse, die ich im Vorliegenden den Akten beizugeben gedenke, dürften mich in Ihren Augen kaum entschuldigen, wohl aber Ihnen meine Handlungsweise begreiflich machen.
Im Frühjahr 1882 bin ich als sehr spätes und einziges Kind geboren und zwischen meinen Eltern, die beide berufstätig waren, in ziemlicher Vereinsamung aufgewachsen. Durch den Hebammenberuf meiner Mutter habe ich sehr früh in manchen Jammer der Frauenwelt hineingesehen, und eine streng religiöse fast bigotte Erziehung, abgesondert von Spielgefährten, hat in mir die Empfindlichkeit für das Leid anderer bis zum körperlichen Schmerz gesteigert.
Mein einziger Wunsch war, Medizin zu studieren; weil ich nur ein Mädchen war, kam ich in ein Pensionat, "um so zu werden, wie andere." Nach meiner Heimkehr mehr als vorher zum Studium entschlossen, begann ich in meinen freien Stunden, neben der Arbeit auf einem Bureau der Telephonverwaltung, die vorbereitenden Studien; nach zwei Jahren hatte ich den Mann kennen gelernt, den ich später heiratete und mit dem ich mich hautpsächlich deswegen befreundete, weil er meinen Lernplan fördern wollte. So trat ich mit 18 Jahren und mit meinen geringen Ersparnissen ins städtische Gymnasium ein und machte nach etwas über zwei Jahren die Maturität; der Weg zur Medizin stand jetzt offen; wäre ich ihn gegangen, so wäre es recht gewesen. Statt dessen bestimmte mich mein Freund und Berater Dr. Faas zum Studium der Jurisprudenz, weil ich dann mehr sein Kollege sein würde, - und zur Heirat.
In zwei aufeinander folgenden Jahren kamen Kinder, und gleichzeitig brachte mich das Studium der Volkswirtschaft praktisch mit den Arbeitern und besonders den Arbeiterinnen zusammen, deren Klagen mich ausserordentlich erregten. Der furchtbare Wirbel des praktischen Lebens erfasste mich innerlich so, dass ich dem Zureden sozialdemokratischer Führer, das neugeschaffene Amt einer Arbeiterinnensekretärin zu übernehmen, nicht den nötigen Widerstand entgegenzusetzen vermochte, mein Studium unterbrach, und mit 23 Jahren, als in einem durchaus ungefestigten Alter, Sekretärin des schweizerischen Gewerkschaftsbundes wurde. - Was ich in den nun folgenden vier Jahren durchgemacht habe, werde ich hier nicht schildern. Für ein Parteileben von Natur untauglich, mit dem einzigen Wunsch, den Aermsten gegenüber meine Pflicht bis zur Erschöpfung zu tun, hab ich in jenen inhaltschweren Lehr- und Wanderjahren mit Tausenden von Frauen gesprochen, in Hunderte von Familien Einblick bekommen, - mit dem Resultat, dass ich mich innerlich ganz von der Welt ablöste, verbitterte und traurig wurde. Inzwischen hatte Dr. Faas eingesehen, dass ich auf dem Weg, auf den er mich  zwar selber gebracht hatte, viel weiter und viel schneller ging, als für ein dauerndes Leben erträglich war, wir kamen überein, dass er eine künstlerische Laufbahn einschlagen würde, und dass ich ihm folgen solle, sobald die neue Selbständigkeit gesichert sei. Bis so lange versprach ich, die Kinder und mich allein durchzubringen. Aber als nach drei Jahren die neue Laufbahn erfolgreich betreten war, hatte Entfernung, Verschiedenheit der Umgebung, und vielleicht auch die Erinnerung an manche Unbequemlichkeit unseres früheren ruhelosen Zusammenlebens Herrn Dr. Faas veranlasst, mich um Einwilligung in eine Ehescheidung anzugehen. Das fiel mir weit schwerer, als man sich heute vorstellen kann, und zog sich darum länger hinaus, als ich es selber wollte; ich hatte meine öffentliche Tätigkeit quittiert und erhielt die Kinder und mich mit schriftlichen Arbeiten, und da wir fast bedürfnislos lebten, war es gegangen. Dazu habe ich nach einem aufregungsvollen Sommer die gelähmte Mutter gepflegt, bis sie nach 14 Monaten starb, und stand mitten in der Ehescheidung, als der Zürcher Kasernen-Prozess wieder aufgenomen wurde. Erlassen Sie mir die nun folgenden zwei Jahre, während denen ich, in eine mir tief widerwärtige Situation gedrängt, um mir fremder Menschen willen, mit denen mich nicht einmal eine gemeinsame Ueberzeugung verband, weder vor- noch rückwärts konnte. Meine Ehe wurde unterdessen geschieden, und mein Vater starb danach.
Das war jetzt vor zwei Jahren, und nun sollte es gut und ruhig werden; ich lebte still mit meinen beiden Kindern und verwaltete dazu das kleine Haus, in dem ich aufgewachsen und das nun an mich gefallen war; endlich wollte ich auch daran denken, das Studium der Jurisprudenz, von dem ich nun trotz aller Mühseligkeiten und Unterbrechungen sechs Semester beieinander hatte, wiederaufzunehmen und zum formalen Abschluss zu bringen. Darin bestärkte mich der Umstand, dass seit meiner Praxis als Arbeitersekretärin die Unbemittelten und namentlich die arbeitenden Frauen nie aufgehört hatten, mit ihren Klagen und Gesuchen an mich heranzutreten, und dass ich in der Schlichtung kleiner Angelegenheiten und in der Raterteilung eine ziemliche Fertigkeit erlangt hatte. So sagte ich mir nun, dass das, was ich jahrelang aus Freude am Helfen und ohne Entgelt getan hätte, mir vielleicht als Vorschule gedient haben dürfte für einen Beruf, der mich und meine Kinder später ausreichend ernähren würde. Weil mich aber die Leute bald überliefen, sodass ich keine Sammlung für meine eigenen Angelegenheiten mehr hatte, räumte ich ein für allemal den Montag Nachmittag ein als die Zeit, die ich all denjenigen schenken wollte, die sonst niemanden zu ihrer Hülfe hatten. Dies tat ich aber nicht etwa aus reiner Gutherzigkeit, sondern es war die Abtragung einer innern Pflicht; als Sozialist, der sein Leben beständig mit seiner Ueberzeugung in Einklang zu bringen hat, wollte ich das Erbe, das ohne meine eigene Arbeitsleistung mein Eigentum geworden war, vor mir selber durch den Dienst an Enterbten abverdienen. In den Augen vieler Menschen mag das als Ueberspanntheit erscheinen; aber jede Ueberzeugung, je höher man sie hält, verpflichtet um so stärker, alle Tugend. und Ehrbegriffe entspringen solchen Hochspannungen. - Jedenfalls ist mir die Erfülllung des mir selbst gegebenen Wortes nicht immer leicht geworden. Es kamen durchschnittlich an so einem Montag zehn Besuche, also im Jahr etwa fünfhundert. Ist es zu verwundern, dass unter fünfhundert Frauen, die bei mir ihren Kummer abluden, der hundertste Teil davon mich aus Angst vor der Mutterschaft aufsuchte?
Schon als ich noch Arbeitersekretärin war, hatte ich erfahren können, wie die Frauen zuweilen vor der Mutterschaft zittern müssen und was für grauenhafte Dinge sie dagegen unternehmen; damals habe ich im persönlichen Verkehr diejenigen primitivsten Auflärung gegeben, die zur Verhütung von Unglück unerlässlich schien. Wie oft habe ich mir gesagt:"Wenn du jetzt Arzt wärest, wie würdest du um das Licht in diesen dunklen Dingen kämpfen." - Was mir als Arzt zu tun versagt war, wollte ich als Jurist versuchen: ich kümmerte mich um die Litteratur für und gegen Aufhebung oder Milderung der Abort-Paragraphen in den verschiedenen Ländern, und verglich die vorgebrachten Gründe mit dem, was ich selber mitangehört und gesehen hatte. So sammelte ich die Jahre durch ein grosses Material, und wenn ich nicht mit Publikationen herausgetreten bin, so nur deshalb, weil mir alles noch nicht gründlich und geordnet genug war. Aber diese Verfassung ist der Grund, warum ich auch Frauen, die mir mit Mutterschaftsklagen kamen, überhaupt anhörte und zu trösten suchte.
Das alles wäre nicht strafbar, sagen Sie, geehrte Herren Richter! nein - aber es bringt einen in einen Ruf, in den Ruf einer "hülfreichen guten Frau", und man muss dann qualvoll Dinge von sich abwehren, die einem zugemutet werden, und die man doch tun weder kann noch will.
Zuerst habe ich in solchen Fällen zur Geduld gemahnt und mit leeren Tröstungen abgewiesen - so wie das andere auch tun; davon bleib mir ein schlechtes Gewissen jenen Armen gegenüber. Dann habe ich mich nach Aerzten erkundigt, die wenigstens in verzweifeltsten Fällen Verständnis haben würden; ich habe die Ratsuchenden zu ihnen gewiesen und erfahren müssen, wie die Frauen zwar nicht abschlägig beschieden, aber hingehalten wurden, sodass sie zu der Enttäuschung auch noch die Kosten hatten. Dann habe ich mich mit der einfachen Ausrede gestemmt: "es ist zu spät, man muss sich vorher umtun und muss verhüten;" daraus erwuchs mir die Verpflichtung, diese Verhütungsmittel kennen zu lernen. Schliesslich haben wir unter all den schwindelhaften und zum Teil gesundheitsschädlichen Medikamenten ein anständiges Verhütungsmittel ausfindig gemacht, die Erfindung eines belgischen Arztes, den man den Vater der Grubenarbeiter nannte. Diese Adresse gab ich den Bekümmerten, und wer nicht französisch zu schreiben vermochte, dem habe ich auch wohl die Bestellung geschreiben, und wer aus Gründen der Abhängigkeit das Mittel mit seiner offenen Deklaration nicht zu sich heim kommen zu lassen sich getraute, der durfte es an mich adressieren lassen und bei mir abholen; ein Vorrat war nie da; und wenn die Frauen nicht gleich kamen und ich es ihnen als geschlossenen Brief zuschickte, so trug ich das Porto gern selbst, wenn ich doch damit verhindern konnte, dass sie mir nach Eintreten einer Schwangerschaft schwer fielen.
Was aber tut man mit Frauen, die einem nicht aus dem Zimmer gehen, einem die Knie umfassen, fassungslos weinen und alles verfluchen, was werden soll? - Es ist möglich, dass ich nicht schroff genug vorging; heisst das: mit Worten schon; aber dass die Unglücklichen hinter den Worten eine Solidarität witterten, an die sie durch Preisgabe jeder Reserve appellierten.
Schliesslich verfiel ich auf ein Auskunftsmittel: es war mir bekannt, dass die Menstruation bei Erkältung, besonders der Blase, sich verzögern kann; so riet ich denn zu Bärentraubenblätterthee, einem Thee der niemandem schaden und bei Blasenkatarrhen wirklich helfen konnte, und wurde diese Art von Besuchern los. Wenn aber die eine oder andere der Frauen wieder kam habe ich sie schon unter der Thür, mit Mühe genug, abgefertigt. Doch je schroffer und hochmütiger ich wieder einmal verfahren war, desto mehr musste ich mich nachher selber quälen. Meine Widerstandskraft ist auf diese Weise unterhölt worden. Es gab tatsächlich Fälle, wo grundsätzlich jeder vernünftige Mensch für die Einleitung des Abortes sein musste - und wo die letzte Hemmung nur noch die Drohung des Buchstabens war; die Erkenntnis, dass ich einzig vor dieser Drohung halt machte, hat meine Selbstachtung wenig befriedigt. - Also versuchte ich, meine dem Paragraphen zuwidere Gesinnung zu ändern, indem ich mich mit prinzipiellen Gegnern des Abortes, auch den Abortgegnern unter den Sozialisten, auseinandersetzte; ich scheine weder die richtigen Menschen, noch die entsprechenden Bücher gefunden zu haben. Gegenüber dem wirklichen Leben erschienen sie mir alle schal. - Endlich habe ich mir selber Einreden gegen den Abort konstruiert, Einreden geradezu mystischer Art, aber im Gewissen fühlte ich das Erzwungene und kam mir selber reichlich verschroben vor.
Es waren jetzt Leute zu meiner Kenntnis gekommen, die mit viel Glück, wenn auch laienhaft, vorzugehen verstanden und zum Teil sogar in Bern wohnten - schliesslich hätte ich zur Not ebenso geschickt werden könne, was für meine Klientinnen dann wenigstens den Vorteil der Kostenlosigkeit gehabt hätte. Warum zögerte ich vor diesem letzten Schritt? Doch nicht aus blosser Furcht vor dem Gesetz, sondern weil ich von Medizin gerade genug verstand, um eine lähmende Angst vor der Verantwortung zu haben. Die Vorstellung, dass eine dieser Hülfesuchenden durch Laienpraxis zugrunde gehen könnte, vergällte mir im Voraus die Heimat; auch ohne alle gesetzlichen Weiterungen wusste ich, dass ich mit einer solchen Last nie mehr durch die Lauben zu gehen vermöchte, durch die ich von Kindheit zu wandern gewohnt war. Meine ganze rein gefühlsmässige Sesshaftigkeit sah sich bedroht, und so haben die voraus zu fühlenden Gewissensbisse für einen möglichen Unglücksfall mich vor der Laienpraxis zurückgeschreckt.
Aber als ich, gerade infolge der theoretischen Erörterungen, mit einem gründlichen und absolut erfahrenen Arzt vertraut wurde, da sprach ich ihm von meinen "Fällen", und er, einsehend wie ernst es mir mit der Sache war, und im Vertrauen auf meine Gewissenhaftigkeit, hat mir zugesagt, auf meinen Ruf zu kommen.
Aber noch liess ich Wochen und Monate verstreichen, ehe ich mich wirklich dazu verstand, diesen Arzt herreisen zu lassen. Es war mir dabei schwer zu Mute, und trotzdem ich alle Vorkehrungen getroffen hatte, damit alles nach den gegebenen Anordnungen bereitstehe, atmete ich erst auf, als ich ihn das Haus verlassen und durch den Weg eilen hörte. Glücklicherweise ging alles so behend und glatt - weit schneller als ich mir's vorgestellt hatte, und schmerzlos; sonst hätte ich es selber kaum ausgehalten.
So habe ich mich dreimal überreden lassen; ich bin froh, dass es jetzt fertig und abgeschlossen ist. - Meinen Vorteil habe ich wahrlich nicht gesucht, wohl aber aus Eigenem darauf gelegt, damit wenigstens die Reise-Kosten des Arztes gedeckt würden, von seiner Zeitversäumnis nicht zu sprechen. Trotz aller Entschädigung war es von seiner Seite eine reine, mir erwiesene Gefälligkeit, sich überhaupt herzubequemen; und aus diesem Grunde kann ich es nicht verantworten, ihn jetzt auch noch auszuliefern. Wollen Sie, geehrte Herren, darin nicht Eigensinn sehen; es sind da auch noch andere Gründe, der Mann hat Namen und Stellung, das Aufsehen ist viel grösser, wenn ich ihn nenne, als wenn ich ihn verschweige; endlich: er ist Vater, und es würde auch noch die Zertrümmerung einer Jugendcarrière bedeuten.
Ich bin schuldig der einfachen Beihülfe, und zwar wiederholt. Es ist gut, dass es ein Ende hat; sonst hätte es mich noch weiter geführt, und ich wäre am Ende in tiefe Abhängigkeit geraten. Künftig ist das ausgeschlossen, nicht allein um meinetwillen, sondern schon wegen meiner Umgebung; meine Mitbewohner sind jetzt aufmerksam, und was mir vorher mit Vorsicht gelang: sie in Ahnungslosigkeit zu erhalten, ist fortan unmöglich. Das allein schon wird gegen Anfälle von Weichherzigkeit einen festen Damm geben, bis vielleicht einmal durch neue und höhere Erkenntnis das zustande kommt, was natürlich in Ihren Augen das Vorteilhafteste für mich wäre: ein Wechsel der Ueberzeugung. Von dem mittelalterlichen Abortparagraphen aus beurteilt habe ich eine schlechte Gesinnung, die mir - vor Geschworenen wenigstens - kaum als Milderungsgrund angerechnet werden dürfte; Menschen von höherer Bildung mögen unter Umständen die seelische Verfassung eines Geständigen vor, während und nach der That würdigen. - Es ist aber vorwiegend ein anderer Grund, der mich Sie, geehrte Herren Richter, darum ersuchen lässt, meinen Prozess wennmöglich abseits von der breiten Oeffentlichkeit zu erledigen. Komme ich vor Assisen, so werde ich mich verpflichtet fühlen, meine Ueberzeugung gemeinverständlich zu begründen, nicht um mich loszureden, sondern um "stehend zu sterben". Der Aufwand an Mut und die dazu nötige Verbohrtheit sind mir ebenso peinlich, wie der aufgewirbelte Strassenstaub; es stört mir die ruhige Abklärung inneren Lebens, und widerstrebend nur fühle ich mich öffentlich in den Mittelpunkt einer Frage gerückt, die nur einen Seitenteil meiner sozialen Gesamtinteressen ausmacht. Wenn dem nicht so wäre, dann hätte von den viertausend Briefen ungefähr, welche während vierstündiger Haussuchung durch eine ganze Schaar von Beamten mit Peinlichkeit durchgesehen wurden, mehr als nur das gefunden werden müssen, was Ihnen ausgehändigt werden konnte. - Freilich haben die wenigen Fälle, in welchen ich mich theoretisch mit dem geltenden Gesetz uneins wusste, mich innerlich mehr gekostet, als alle die andern hunderte von Fällen, in denen es sich darum handelte, wenigstens das vom Gesetz garantierte Mindestmass sozialer Ordnung zur Geltung zu bringen.
Sicher wäre ich widerstandsfähiger gegen das Unglück anderer gewesen, wenn ich nicht selber vieles gelitten hätte.

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Herr Präsident, geehrte Herren Richter! es bleibt mir nur noch, Sie um Entlassung aus der Haft zu bitten. - Ich bin mitten aus einem Netz von Lebensfäden herausgerissen worden, und wenn ich sie nicht wenigstens provisorisch verknüpfen kann, so ist damit nicht nur meine Existenz, sondern auch die einer ganzen Anzahl anderer Menschen gefährdet. - Lassen Sie mich bis zur Gerichtsverhandlung mein Haus bestellen, meine Kinder versorgen, das Geschäft von mir ablösen und alles so ordnen, dass ich nicht schuldlos Andre in's Verderben bringe. Dass ich mich Ihnen zur Verhängung der Strafe nicht stellen werde, brauchen Sie nicht zu befürchten. Abgesehen von den mannigfachen Zusammengehörigkeiten, die mich an meine Heimat binden, wäre auch jede Strafe, die Sie über mich verhängen mögen, gelinder, als die vor mir selbst empfundene lebenslange Schmach, mich einer Verantwortung entzogen zu haben.

Mit vollkommenster Hochachtung!

M. Hardegger

Eingelangt: 24.6.1915
Beschluss: Die Assisenkammer des Kantons Bern hat in ihrer Sitzung vom 13. Juli 1915 nachmittags 3 1/4 Uhr in Burgdorf entschlossen: Das untenstehende Gesuch der M. Hardegger um provisorische Freilassung wird abgewiesen.

Quelle: Staatsarchiv Bern, BB 15.4.2012

[Margarethe Hardegger wurde wegen Beihilfe zur Abtreibung zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt, die sie in der "Weiberstrafanstalt" Hindelbank absass.]

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