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Georg Kilaschitzki an
das Eidg. Justiz- und Polizeiamt
Zürich, 21. Febr.1907
Hiemit möchte ich die Motive auslegen, aus welchen das Attentat
auf den Eisenbahnchef Iwanow, ein politisches Verbrechen war.
Zwischen einem politischen und einem Kriminal-Verbrechen ist ein
solcher Unterschied: Wenn ein gewisses Glied des Staates dem Leben
eines andern droht, aus rein individuellen Gründen wie Rache
u.s.w. oder sogar mit den Gedanken nach dem Tode eines andern, um
für sich einen Nutzen zu bekommen, - dann ist das ein
Kriminalverbrechen; - wenn aber ein Glied einer revolutionären
Partei, die die Ausübung von terroristischen Akten in ihrem
Programm hat, ein Attentat gegen ein gewissen Regierungsbeamten
ausübt und der Beamte nicht nur für die revolutionäre
Bewegung, sondern auch für die Allgemeinheit eine absolut
schädliche Person ist, wenn nachher der Attentäter kein
Nutzen aus dem Privateigentum des Beamten für sich macht, - dann
ist das ein politisches Verbrechen.
Im Jahre 1905, als die revolutionäre Bewegung in Polen besonders
stark war, war als Chef der Weichsel-Eisenbahngesellschaft ein gewisser
Iwanow. Dieser Iwanow war, nebst seinem Gehilfen Probkurjakoff in ganz
Königreich Polen bekannt durch ihre russischbehördlichen [?]
Tendenzen. Nicht nur die Bücher mussten in russischer Sprache
geführt sein, sondern, während des Dienstes durften die
Beamten kein Wort polnisch unter sich sprechen. Die kleinste
Unwilligkeit gegen die Regierung - und der Mann wurde vom Dienste
verwiesen. - Die besten Stellen wurden besetzt durch Kreaturen des
Chefs, er selbst überfüllte alle Stationen und Bureaux mit
Agenten der Gendarmerie um die Agitatoren der Partei aufzufangen und
ein ewiges Auge über seine Arbeiter zu haben. - In den
mechanischen Abteilungen waren ca. 2000 Arbeiter beschäftigt, hier
genügte der kleinste Verdacht, dass dieser oder jener zur Partei
gehöre, als Agitator. - So standen die Sachen, als im Dezember
1905 der politische Generalstreik in ganz Russland stattfand.
Ungeachtet aller Repressionen, ungeachtet der allgemeinen Spionage und
der Drohung der Entlassung, streikte auch ie Weichsel-Eisenbahn. Wie
wütend tobte jetzt Iwanow herum. Wer nur den geringsten Anteil an
der Streikagitation annahm, dessen Name wurde dann jedermann
mitgeteilt, der Mann verhaftet, und auf mehrere Monate ins
Gefängnis geworfen. Auf solche Art verlor die Partei den
grössten Teil ihrer besten Agitatoren zwischen den
Eisenbahnarbeitern. Um die Leute zu zwingen den Streik zu brechen,
wurde jede dritte Arbeiter entlassen. Aber 1500 Mann verloren ihren
Verdienst. Von dieser Zahl sassen gegen 400-500 im Gefängnis. -
Der Streik kam zu Ende. - Jetzt dachte man, die Entlassenen werden nach
der allgemeinen Beruhigung, wieder angenommen, wie es bei anderen
Fabriken, Institutionen u.s.w. war. Nicht doch. Nicht nur alle
Entlassenen und verhafteten wurden nicht angenommen, sondern die, wo
geblieben sind (ausser Streikbrecher) fing man an teilweise zu
entlassen. Eine allgemeine Entrüstung herrschte in ganz Polen.
Aber Ianow, als bester Freund des General-.Gouverneurs Skallon,
fürchtete nicht die Presse, welche schweigen musste, und achtete
nicht auf die allgemeine Entrüstung. Vor dem Attentat fühlte
er sich ja auch sicher, er trug ein Stahlhemd, spazierte nur in der
Gesellschaft von Geheimagenten, bei sich zu Hause hatte er immer zwei
Polizisten u.s.w. - Während des Streik erhielt Iwanow von der
polnischen, sozialistischen Partei ”Proletariat” eine Warnung. Er
achtete nicht darauf. - In der Hälfte Januar erhielt die
Warschauer Attentats-Organisation vom Zentral-Comite den befehl Iwanow
zu töten. Ich war damals in Warschau als Glied der
Attentäter-Organisation und nahm Anteil am attentat auf Iwanow. -
Iwanow, durch sein Benehmen war schädlich für die
Organisation; er war schädlich für die Befreiungsbewegung in
Russland, er war schädlich für die Allgemeinheit (er warf
1500 Mann mit Frau und Kind auf die Strasse,) als ein Tiran seiner
Arbeiter und Beamten. Nicht ich, niemand von denen, die das Attentat
ausübten hatten einen persönlichen Groll gegen Iwanow.
Nutzen von seinem Tode hatte die Befreiungsbewegung. Ich war verhaftet,
vor da Kriegsgericht
gestellt und wäre [wahrscheinlich?] zum Tode verurteilt worden,
wenn nicht die Hilfe der Parteigenossen. - Ist das Nutzen? Aus diesen
Motiven halte ich es für klar, dass der Tod Iwanows kein Kriminal-
sondern ein politisches Verbrechen war, und desshalb protestiere ich
gegen meine diplomatische Auslieferung in die Hände der russischen
Regierung.
sig. Georg Kilatschizki
Quelle: Staatsarchiv Zürich
PP 8a.10, S. 199, internes Aktenzeichen 938 II a, Jg 1907
[Das Schweizerische Bundesgericht verfügte im Mai 1907 die
Auslieferung von Kilaschitzki an Russland, da das Attentat auf
Eisenbahndirektor Iwanoff "wegen Arbeiterquälerei" und nicht aus
einem politischen Motiv heraus erfolgt sei. Der Versuch einiger
Anarchisten (u.a. Ernst Frick, Robert Scheidegger und der Oesterreicher
Othmar Zorn), ihn aus dem Polizeigefängnis Zürich zu
befreien, scheiterte. Kilaschitzki wurde unter verstärktem
Polizeischutz Ende Mai 1907 an die österreichische Grenze
geführt.]
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