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Robert Scheidegger an
seine Frau Klara
Bautzen, 16. Juli 1911
Liebe Mama!
Es ist mir endlich möglich, Dir einige Worte mitzuteilen. Dein
letzter Brief konnte mir nur teilweise vorgelesen werden, da du Dich
darin zu sehr deinen „Gefühlen“ hingegeben. Ich bitte dich,
unterlass alles unnötige in deinem nächsten Brief, schicke
dich ins Unvermeidliche, ich muss es auch, und verhindere nicht, dass
ich die paar Worte, die ich mit dir verkehren kann, ausgehändigt
bekomme. Liebe Mama! Teile mir doch einige Zeilen über Bubi &
Maiti mit“, bittet er seine Frau in einem der seltenen Briefe, „ich
denke so viel namentlich an die Kleine. Sie wird mich ja vergessen
haben bis ich sie wieder sehe. Was macht Bubi in der Schule? Schreibe
mir doch, wie es euch allen geht, es drückt so sehr, wenn man gar
nichts weiss. Wirst du das Atelier behalten können oder hast du es
schon aufgegeben? Ach Mama, ich wäre so froh, wenn du es bis zu
meiner Entlassung behalten könntest, da ich es dann sehr
nötig haben werde, wie sehen ich mich nach Farbe, Licht, Pinsel
& Palette; zum verzweifeln, und doch möchte ich mich gesund
erhalten, denn ich habe viel zu arbeiten, wenn ich frei bin und brauche
die Lust & Lebensfreude eines Gesunden dazu. Ich will nicht
verderben und untergehen vor der Zeit! Was wissen Menschen von
Menschen! Was weiss man über sich selbst! Nichts. Am
allerwenigsten aber im täglichen Leben. Man muss herausgeworfen
werden, um es zu sehen. Da stösst & drängt & putzt
& zappelt, jammert, stöhnt und jauchzt es in chaotischem
Wirren durcheinander, bis man mit zerhacktem Körper, zerschundenen
Nerven und vergifteter Seele an einem Punkte angelangt, wos nicht mehr
weiter geht und man nach einigen letzten Purzelbäumen die eigene
und die Verlogenheit einer Welt sieht. So spricht der Schwache, der
Verzweifelte, der nicht mehr an sich selber glaubt, so urteilt ihr, ich
weiss es, ihr Starken. So sei es, jeder geht seinen Weg. Im Prinzip ist
es doch immer der Glaube, der uns leitet, und wenn wir schon gar nichts
glauben, so glauben wir zuletzt doch wieder, dass wir darin Recht
haben. Denn wir wissen nichts, da das Letzte nicht bewiesen werden
kann, es ist lediglich Anschauungssache. In punkto Anschauung aber hat
jeder Recht oder Unrecht, wie man es nennen will, da im Prinzip jeder
dasselbe in andern Worten sagt und in anderer Weise & Art, und
gerade desshalb ist es Unsinn, sich dadurch zu bekämpfen. Alle
Anschauungen konsequent zu Ende gedacht treffen sich in einem Punkt,
und wo man auch steht, nirgends wird man nützlicher, besser oder
schlechter sein können, als man eben sein kann. Unglücklich
ist nur der Zweifler & Grübler, der sich ja nirgends
hinstellen kann, und desshalb brauche ich das Atelier. Wenn meine
Freunde dir etwas an die Hand gingen, um es möglich zu machen, ich
wäre so dankbar. Es ist mir ja nicht möglich, ein
Ähnliches unter denselben günstigen Umständen mieten zu
können. Verzeih meine Epistel, ich glaube du siehst daraus mehr,
wie es mir geht, als aus Worten, die ich über mich machen
würde. Was den Brief von Dr. Hermann betrifft, ist kein Irrtum
vorliegend, das andere mündlich,
Herzliche Grüsse an Hans [Itschner], Edi [Meyer], die Kinder &
Dich
Robert.
Meine Adresse soll folgendermassen lauten:
Robert Scheidegger No. 632
Königliche Landesanstalt Bautzen, Sachsen.
Der Vorname ist vollständig zu schreiben.
Grüsse die liebe Mutter, Schwester, Bächtold und alle, die es
wünschen.-
10. Sept. 1911
Liebe Mama!
Dass du Mutterchen besucht hast, freut mich ausserordentlich. Hast du
ihr gesagt, wo ich bin etc? Die Grüsse alle herzlich erwiedert und
Dank für die Karte. Meine Entlassung fällt auf den 26. Dez.,
liebe Mama, wird also fast Neujahr, bis ich bei euch sein kann. Mut
sagst du: Mir fehlt nicht der Mut, mir fehlt das Ziel. Alles zerfliesst
unter meinen Händen und auch das lauterste Gold scheint mir nur
Scham & Abglanz, hinter dem die Echtheit verborgen. Und wenn mich
die letzten drei Monate aus diesem Wirrwarr heraus bringen, will ich
sie gerne auf mich nehmen; am Mut soll es nicht fehlen. Aus deiner
Karte zu schliessen, geht es dir ordentlich. Aber vergiss nicht die
beiden Wintermonate, sie werden dir sicher noch Nüsse zu knacken
geben. Doch mir scheint. Du kannst es! Eines ist mir doch gelungen im
Leben, nicht wahr, Mama. -----
Nun zu deinem Brief.-
Was du von der Kleinen schreibst ist etwas bedenklich. Mit dem Kinde
hatte ich ein mir damals ganz unerklärliches Erlebnis. Das Kind
hängt sehr an mir, das kann ihm zum Nachteil werden. Buby ist so
verändert, dass ich ihn kaum erkannt habe. Ein ausgesprochenes
Mädchengesicht. Doch das wird sich schon wieder ändern. Die
Kleine sieht entsetzlich nervös aus, sie sollte mehr schlafen.
Gedämpfte grüne Lichtstrahlen könnten sicher gute
Wirkung haben. Zum Hausmeister darfst du nicht zu viel Vertrauen haben,
er lebt mit seiner Frau im Zwist, ist launisch und er kann dich aus dem
Atelier werfen, wenn du am wenigsten dran denkst. Geld ist das einzige
Mittel, das seine Nerven beherrscht. Was mit mir los ist, weiss er
jedenfalls schon, möchte aber, dass du es ihm selber sagen
würdest, um darüber sprechen zu können. Grüsse die
Jungburschen. – Ihre Ideen, Ausflüge in die Berge, und
Fusstouren etc. zu machen sind sicher der gesündeste Teil in der
Beantwortung der soz. Frage; aber am dürren Holz lernen sie’s
sicher nicht .. Gesunde Instinkte! Edi [Meyer] ist grossmäulig und
Hans [Itschner] studiert. In Edi’s Leben ist eine Tragödie
verborgen, und in der Verzweiflung greift er zur Phrase. Beachte
letztere nicht, so widerwärtig es auch ist, und suche, was
dahinter steckt, dann wirst du ihn auf einmal ganz verstehen. Er ist
der treueste Freund, den ich je hatte. Aber man sollte ihm seinen
Rochefoucauld wegnehmen; (verbessere selber) dies stachelige Ding kann
er nie verdauen. Hans aber habe ich so viel zu sagen, den ich schon
blos seiner Ohren wegen lieb haben muss. Er allein wird mich verstehen.
Hoffentlich haben sich auch in seinem Geldbeutel ökonomische
Verhältnisse gebildet, so etwas wie stabiles Kapital. Guten Gruss
an beide. Erkundige dich mal auf der Red. des Postillon [Der neue
Postillon, sozialistisches Satireblatt], ob ich auf Neujahr wieder
mitarbeiten kann, und teile es mir mit im nächsten Brief. Ich
möchte wissen, vielleicht kann ich dann das Titelblatt für
Neujahr Nummer machen (5. November nächster Schreibtermin). Im
übrigen geht es mir so gut als unter den Umständen
möglich: sonntags Gelegenheit zu zeichnen & malen. Grüsse
an alle, wenn es Freude macht auch an den Alten, den du so
fürchterlich hassest. Wie kann man nur, Mama? Der hat ja viel zu
wenig Licht, um mich in Schatten zu stellen; im übrigen wachsen
die guten Früchte im Schatten.-
Robert
18. Dezember 1911
Ich komme nicht frei auf Weihnachten, wie ich geglaubt habe. Ich kann
es nicht hindern, dass ich nach Oesterreich ausgeliefert werde. Der
goldene Sonnenschein lächelt mir immer noch nicht, so sehr ich
auch aus der innersten Seele heraus mich danach sehne. Es ist ja zum
verzweifeln und zu Grunde gehen. Dein Brief ist ja schön und deine
Geduld, ich aber bin ungeduldig und lechze nach Freiheit. Den wahren
Wert der Freiheit lernt man erst kennen, wenn man sie nicht mehr hat
und man möchte dann alles daran setzen, sie zu erhalten. Sei recht
vernüftig, liebe Mama: Worte sind keine Heldentaten; das Leben
rechnet mit allen realen Werten. Soviel nur irgend möglich ist,
grüsse meine Freunde in Nah und Fern, ich habe Sehnsucht, all die
Verlorenen gesund und munter wieder zu sehen. Ich habe die guten Leute
nötig, meine Einsamkeit erdrückt mich sonst. Es hat eine
grosse Veränderung mit mir genommen, alles ist anders geworden.
Meine Sehnsucht nach Licht kann in Erfüllung gehen, und was ich
gesucht und heiss verlange, kann mir werden. Tief ins Leben habe ich
gesehen und ich sage dir: Auch das letzte und hinterste ist beweisbar.
Die Urkraft des Lebens, die reale Triebfeder des Handelns, Werdens,
Geschehens ist in der realen Wirklichkeit erkennbar, und was sich
dagegen streubt, wird mitgerissen oder zerschlagen. Schön ist das
Leben, das nackte blosse Leben, und kein Wort der Welt steht
höher. In bezug auf die Kuglersache bitte ich dich, das
Büchlein, wenn irgend möglich, frei zu machen und zu senden,
es ist eine Kleinigkeit, aber immerhin etwas. Mehr, viel mehr, liegt
mir ja daran, zu wissen, was meine Freunde zusammen machen, auch den
fernsten meine Grüsse. Die ökonomischen Verhältnisse
müssen selbstverständlich in aller erster Linie geregelt
sein, den Wunsch habe ich so gut wie du. Das ganze Leben kann ja daran
zum Scheitern kommen, und ich begreife lebhaft, dass du solche
Wünsche äusserst. Unser Verhältnis wird sich dann schon
auch regeln. Ich befand mich hier in einem scheusslichen Irrtum, aber
alle Illusionenen sind zu Nichts geworden, alles habe ich von mir
geworfen, was mir schaden kann; jetzt aber hätte ich gerne in dem
zu leben, was mir nützlich ist. Genug davon. Schweigen ist Gold!
Grüsse Hans & Edi, sowie alles, was mir wohl will.
Auf Wiedersehen!
Dein Robert
Quelle: Schweizerisches Bundesarchiv, E 21 14350
[Maschinengeschriebene Transkripte in den Akten der Schweizerischen
Bundesanwaltschaft. Robert Scheidegger sass in Bautzen eine Haftstrafe
für Saccharinschmuggel ab. Kurz vor Ende der Strafe verlangte
Oesterreich in der selben Sache seine Auslieferung. Scheidegger
entwickelte darauf eine Haftpsychose mit Halluzinationen. In diesem
Zustand denunzierte er seine Genossen, mit denen er 1907 die
Polizeikaserne Zürich überfallen hatte, um den polnischen
Revolutionär George Kilaschitzky zu befreien und vor der
Auslieferung an Russland zu bewahren. Der Versuch scheiterte. In einem
ersten Prozess wurde Ernst Frick freigesprochen - nach Scheideggers
Denunziation wurde das Verfahren wieder aufgenommen.]
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