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Robert Scheidegger an
seine Schwester
Regensdorf, 25.7.1912
Liebe Schwester!
Ich bin so total weltabgeschieden, dass ich manchmal allen Glauben
verliere, dass ich jemals wieder in Ordnung komme. Habe ich euch etwas
zu leide getan? Ich weiss es nich und muss doch immer & immer
wieder darüber nachdenken. Es ist als ob sich alles an mir
ärgerte & das Wort vom Mühlstein, von dem in der Bibel
gesprochen wird, auf mich Anwendung finden sollte. Ich kann mir weder
raten noch helfen & weiss kaum wo mir der Kopf steht. Wenn ich doch
nur ab und zu etwas von euch vernehmen könnte, so absolut ohne
alle Verbindung, es ist zum Verzweifeln. Alles in mir ist Hemmung ich
sehe fast nur anklagende Gesichter & wohin ich mich wende,
höre ich Vorwürfe. Wie soll das nur enden? An allem, was auf
der Welt geschieht an Unrecht, kann ich doch nicht schuld sein. Ich bin
einfach zu dumm, um zur Erkenntnis zu kommen, alles Wissen verwirrt
mich nur; ich habe zu viel inneres Erleben als dass ich die Dinge um
mich nach Aussen in vernünftiger Weise im Zusammenhang zu sehen
vermöchte. Alles Gute das ich tue oder als das Gute erkannt zu
haben glaube dreht sich ins Gegenteil um und wird stets zur Anklage, so
dass ich einfach nichts tun kann. Schreibe mir einmal einen
ordentlichen Brief, ich weis ja gar nicht was man von mir denkt &
ob ich überhaupt noch Menschen habe, die mir gut sind. Alles
Leiden kann mir wenig nützen, die Wahrheit ebenfalls nicht, weil
sie sich stets zur Unwahrheit verkehrt. Wie soll ich nur die rechte
Form & den rechten Weg finden? Du machst mir natürlich
Vorwürfe, darüber, dass ich mich in Gefühlen ergehe! Ich
weiss es, aber was soll ich anders tun, wenn ich eben überhaupt
alles tun nicht unterlassen will? In mir ist einfach alles Gefühl
& ich sehe die Welt wie ein Gemälde, nicht ohne Ziel: aber das
Ziel ist zu entfernt es liegt jenseits des für mich erreichbaren.
Das kann ich einsehen aber nach allem was ich übersehen &
erkannt habe nützt mir auch diese Einsicht nichts mehr. Es
ist ein Unglück intelligent zu sein! Es ist ein Sehen in grossen
und breiten Zügen; das Detail ist unerkennbar. Ich wollte dir
lieber einen vernünftigen Brief schreiben, mit diesem Papier wirst
du, wie ich ja gut genug weiss, nichts anfangen wissen. Nur eines:
Verurteile mich nicht ungehört! Grüsse meine Freunde, wenn
ich überhaupt noch welche besitze.
N.B. Ich erkläre mich jederzeit zum Strafantritt bereit, ich weiss
mir nicht anders zu helfen, als einfach das was vom Gerichte
beschlossen ist anzunehmen. Dass ich mich bestrafen lasse ist doch
hoffentlich kein Unrecht. Ich verstehe einfach das Kreuzverhör
nicht und kann mich deshalb nicht verteidigen & so hat es immer den
Anschein als wollte ich kein Urteil über mich nehmen oder
wäre widerspenstig. Es ist einfach eine andere Gerichtspraxis als
früher, die ich mir jetzt nicht mehr erklären kann nachdem
ich einmal so verwirrt bin. Man kann mir ja während der Strafzeit
die Sache erklären, was ich durch meine Dummheit verschuldet habe,
will ich ja ohne Murren tragen. Wenn ich es auch jetzt nicht begreifen
kann so glaube doch, dass man mir nichts auferlegt, was Unrecht ist.
Aber aus dieser verwirrten Lage in der ich mich jetzt befinde kann ich
einfach nicht klar werden & wenn ich mir den Kopf darüber noch
so sehr zerbreche. In einer solchen Lage kann man ja doch einfach auch
für einen Mitmenschen nichts tun & wenn man es noch so gerne
wollte.
Robert Scheidegger
Quelle: Bundesarchiv Bern, E 21 14350
[Dieser Brief ist ein maschinengeschriebenes Transkript in den Akten
der Schweizerischen Bundesanwaltschaft. Der erste Teil wurde Ernst
Frick zugeschrieben, was unwahrscheinlich ist. So ist Frick am 25. Juli
1912, auf den der Brief datiert ist, im Tessin verhaftet und am selben
Tag nach Zürich ins Polizeigefängnis transportiert worden.]
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